Gemalter Widerstand

Notizen über „Widerstand in der Kunst“.

Von Andrea Cochius.

 

  • Vorläufer: Vor 1800 war es üblich, unbequeme Wahrheiten und gesellschaftliche Kritik in Rücksichtnahme auf die Auftraggeber Kirche und Hof verschleiert darzustellen.
  • Gemalter Widerstand (gegen die gerade Herrschenden) zeigte sich schon früh in Form von „Karikaturen“; etwa wurden im Zuge der Reformation graphische Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken ausgetragen.
  • Gemalter Widerstand war auch politischer Natur: Zum Beispiel schuf der deutsche Emigrant Johan Zoffany 1794/95 im frankreichfeindlichen England Gemälde, die den Pariser Mob an den Pranger stellten (und damit das alte System unterstützte)
  • Es herrschten in der Regel keine Bedenken, wenn ein Gemälde dezidiert für eine Konfession stand, obwohl der Maler der anderen angehörte. So hat Lucas Cranach etwa als Lutheraner Bilder für katholische Auftraggeber gefertigt.
  • Durch die Französische Revolution 1789 veränderte sich die Situation des Malers: Themen wurden vermehrt durch ihn selbst und weniger durch Kirche und Staat als Auftraggeber bestimmt. Erfolg und Misserfolg richteten sich dennoch nach dem Zeitgeist/der öffentlichen Meinung, bzw. musste die Botschaft sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Konträre Ansichten traten also als gemalter Widerstand in Heimlichkeit in Erscheinung.
  • Um 1900 steigerte sich die Bedeutung der Stellungnahme eines Künstlers insoweit, dass man ihm die Macht zugestand, als Schöpfergott eine neue Welt kreieren zu können. Gleichzeitig galt ein besonders abgehobener, schwer verständlicher Bildinhalt als progressiv, was die Interpretation weiter erschwerte.
  • Interpretation: Caspar David Friedrich: Das Kreuz im Gebirge, 1807-1808

1_friedrich das kreuz im Gebirge

(Bild-Quelle: http://syndrome-de-stendhal.blogspot.de/2013/03/der-groe-mittler.html)

Befremdlich wirkt, dass Christus vom Betrachter abgewandt ist, da dieser der Sonne zugedreht ist. Vermutlich hat Friedrich sich bei der Sonne den Schwedenkönig und Napoleon-Gegner Gustav Adolf vorgestellt (der überlieferten Symbolik folgend), der Licht und Hoffnung auf ein Land wirft, Friedrich als Feind Napoleons, dem er in Dresden unterworfen war und der den besiegten Kurfürst Friedrich August III. von Sachsen zum König unter dem Protektorat Frankreichs machte, wünscht den „Teutschen“ einen Retter.

Ein weiterer „gemalter Widerstand“ Friedrichs in anderen Bildern ist die altdeutsche Tracht, die viele Figuren seiner Bilder tragen. So steht das Jahr 1806 mit dem Ablegen der deutschen Kaiserkrone Franz II. für das Ende des Alten Reichs. Um dieses Reich in Erinnerung zu behalten, „erfand“ die Kaiserin eine Fantasietracht, die mehr der Zeit um 1560 angeglichen ist.

Friedrichs rückgewandte Kleidung korreliert mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, etwa jener Studenten, die erst im Oktober 1817 das Wartburgfest gefeiert hatten und die damit des Reformationsjahres 1517 gedachten, sowie der Völkerschlacht bei Leipzig vier Jahre zuvor. Diese patriotische Gesinnung trug eine Gruppe Kunststudenten auch durch ihre Kleidung zur Schau, die nun „altdeutsch“ hieß.

 

  • Interpretation: Eugène Delacroix: Le 28 Juillet, la Liberté guidant le Peuple, 1830

3_liberte(Bild-Quelle:https://www.pinterest.de/pin/384917099388375056/)

In Frankreich hatte König Karl X. am 25. Juli 1830 veranlasst, dass der Opposition Rechte genommen wurden, das Wahlgesetz manipuliert und die Pressefreiheit aufgehoben wurde. Diese reaktionären Beschlüsse führten in Paris zu einer Revolution. Es kam zur Ausrufung des neuen, als liberal angesehenen Königs Louis-Philippe. Durch ihn wurde die Trikolore (die Farben Blau-Weiß-Rot von rechts), die seit der französischen Revolution Nationalflagge war und seit dem Ende Napoleons wieder abgeschafft wurde, wieder eingeführt.

Interpretation: Gustave Courbet: L’Atelier du peintre, allégorie réelle déterminant und phase de sept années de ma vie artistique, 1855 (Foto oben)

(Bild-Quelle:https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Atelier_des_Künstlers)

Wo auf sakralen Bildern wie dem Jüngsten Gericht die Seligen links und die Verdammten rechts erscheinen, weil der Richter Christus in der Mitte sie zu seiner Rechten und zu seiner Linken befiehlt, macht es Courbet nun dem Betrachter leicht, weil jetzt die positive Seite rechts zu sehen ist und die negative links. Damit kehrt Courbet die seit Jahrhunderten befolgte Ordnung um: er „säkularisiert“ das christliche Modell und setzt sich selbst auf jenen Thron, auf dem vorher ein Gott zu sehen war. Da er nicht nur auf seinem Bild, sondern auch brieflich die linke und die rechte Seite unterscheidet, ist er sich seiner revolutionären Handlung voll bewusst. Er leistet hier „gemalten Widerstand“, indem er seine Zeitgenossen – selbst den Kaiser – aburteilt, nun aber nicht mehr nach der Skala Gut und Böse, sondern nach der Einstellung zur Kunst: die Künstlerischen rechts, und links das triviale Volk.

  • Interpretation: Édouard Manet: Das Frühstück im Grünen, 1863

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(Bild-Quelle:https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Frühstück_im_Grünen_(Manet))

Dass hier junge Männer in modischer Kleidung auf einer Wiese gelagert und eingekreist von deren Beinen und Händen ein Mädchen in völliger Nacktheit zu sehen waren, wirkte schockierender auf die Zeitgenossen, als wenn ein „Urteil des Paris“ mit völlig entblößten Göttinnen gezeigt worden wäre. Der krasse Gegensatz zwischen bekleideten Männern und nackter Frau war ebenso skandalös wie der ungenierte Ausblick des Mädchens auf den Betrachter.

  • Interpretation: Franz Marc: Rehe im Walde II, 1914

6_franz-marc-rehe-im-walde-ii-06123(Bild-Quelle: https://www.kunstbilder-galerie.de/kunstdrucke/franz-marc-bild-4068.html)

Als Soldat schrieb Marc seiner Mutter von der Front „daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen …, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art.“ In einem Brief an seine Frau heißt es: „Der unfromme Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ … ich empfand schon sehr früh den Menschen als ‚häßlich‘; das Tier schien mir schöner, reiner.“

Marc erkannte die Herrschaft des Menschen über das Tier nicht an, sondern kehrte die Rangfolge um. Sein „gemalter Widerstand“ ist insofern antichristlich: er möchte eine neue Religion präfigurieren.

Notizen zum Vortrag von Robert Eberhardt, 27.1.2018, Catania

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