Emphatisches Denken

zum Tod von Robert Spaemann.

von Malte Oppermann.

Jeder, der Robert Spaemann einmal in seinem Haus in Stuttgart besucht hat, wird auch den Wald kennen, in den der Philosoph seine Gäste gern auf einen Spaziergang mitnahm. Er liegt gleich am Ende des Gartens. Dort führte einen der drahtige, nicht sehr große, weißhaarige Mann durch die Gartenpforte, und wenn man Glück hatte, bis zu einem Ausflugslokal auf einer kleinen Lichtung. Dann hatte der Besucher Zeit genug, vielleicht die eine schwierige philosophische Frage zu stellen, mit der er angereist war.

Bei so einem Spaziergang im Wald mit seinen alten Buchen, erzählte Robert Spaemann einmal ein Erlebnis mit einem Studenten, der soeben einen mündlichen Test über Platons Ideenlehre glänzend bestanden hatte. Nach der Prüfung wurde dieser Student von ihm gefragt, was er selbst denn von Platons Idee mit den Ideen halte. Zur Enttäuschung des Professors fiel die Antwort sehr dürftig aus. Dem Studenten war, wie so vielen anderen, jede innere Anteilnahme an den behandelten Themen so weit abtrainiert worden, dass er gar nicht angeben konnte, welches der erörterten Argumente ihm am besten gefiel und weshalb.

Für Robert Spaemann war das eine grundsätzliche Gefahr in der akademischen Philosophie. Fasziniert von der formalen Komplexität der Systeme wird der Geist von ihnen gefangen genommen und findet nicht mehr heraus. Das Denken steigt in die Philosophie ein wie in einen Fahrstuhl und verliert den Kontakt zum Boden.

Dabei lässt sich der Bodenkontakt des Denkens laut Spaemann mittels einer einfachen Frage prüfen: „Was bedeutet das für mein Leben?“. Eine Theorie, aus der sich auf diese Frage keine Antwort ergibt, die hielt er für zweifelhaft.

Er selbst und manche Rezensenten haben das eine Suche nach Authentizität genannt. Es ist eine Art zu denken, die bereit ist, auf Unmittelbares zu stoßen und darauf aufzubauen. Für Robert Spaemman war die Philosophie nicht das Metier der Theorienerfindung, ein willkürliches Basteln und Probieren. Eher ein verstehendes Mitsingen der Schöpfung; und in diesem Sinne emphatisch. Eingebettet in ein lebendiges Weltgefüge und aufgerufen, diesem gerecht zu werden. Das emphatische Philosophieren darf sich nicht blenden lassen von seinen eigenen Symbolen. Es besteht in Klimmzügen, die der Geist an der unübersteigbaren Mauer des Wirklichen übt.

In der Einleitung zu einer sehr lesenswerten Reclamsammlung philosophischer Essays von 1994 findet sich eine Stelle, die dieses Verhältnis des Denkens zu seinen eigenen dialektischen Irrpfaden zum Gegenstand hat:

„Aus non-A folgt […] in alle Ewigkeit gar nichts, schon gar nicht B, wenn das Ganze, von dem A abstrahiert wurde, nicht bereits als offenbares Geheimnis da wäre und vor Augen läge. Dialektik bringt das Wahre nicht hervor, sie überführt nur den Irrtum des Selbstwiderspruchs, und auch das nur, weil wir das Wahre im Grunde schon wissen und deshalb nie konsequent und vollständig irren, d.h. nie aus der Wahrheit des Seins gänzlich herausfallen können.“

Vielleicht erklärt dieses Zitat, warum Spaemann trotz seiner immensen Gelehrsamkeit stets einen Sinn behielt für das leidenschaftliche Denken, und niemals mit Verachtung auf die Ideen und Bücher von Leuten blickte, die, weniger gut gewappnet als er, ins dornige Gestrüpp der Begriffe vordrangen.

Der Herausgeber Valentin Tombergs und Leser von Florenski und Davilá konnte mit beeindruckender Einfachheit auf die verworrensten Fragen antworten. Auch daran zeigt sich die Unabhängigkeit Robert Spaemanns. Wer kennt nicht das Kauderwelsch der intellektuellen Moden, das die Institute und Jahrzehnte beherrscht und nach Ablauf seiner Zeit noch ein Weilchen im Duktus derer weiterlebt, die das Pech hatten, zur falschen Zeit an die falsche Universität zu kommen?

Gerade diese Unabhängigkeit macht das Werk Spaemanns heute zu einem isolierten Leuchtturm in der akademischen Welt, wie es einer seiner längst selbst auf dem Lehrstuhl etablierten Schüler einmal formulierte. Kaum eine Qualifikationsarbeit, die sich auf ihn berufen würde. Dafür hat Robert Spaemann jedoch etwas, wovon viele seiner Kollegen nur träumen können: Leser. Sicher wird er sie auch noch haben, wenn sein Todestag sich schon viele Male gejährt hat.

Diese zukünftigen Leser werden dann auch wissen, ob die Entwicklung Europas dem Mitunterzeichner der Pariser Erklärung Recht geben wird; sei es im Guten oder im Schlechten. Robert Spaemann war davon überzeugt, dass die Erneuerung Europas zuerst eine geistige Aufgabe ist. Und er hoffte, dass in seinen kulturellen und religiösen Wurzeln noch die Kraft zu dieser Erneuerung steckt.

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