Bleibt Gott tot?

von Simon Kneip.

Das bekannte Diktum Nietzsches „Gott ist tot!“ wird heute allzu oft als Ausdruck von Überheblichkeit gedeutet; mitunter wird ihm gar die aufklärerische Absicht in Gänze abgesprochen. Dass dieser Ausspruch aber in keiner Weise Ausdruck von Freude oder Genugtuung gewesen ist – auch hier steht Nietzsche in der Nachfolge der Aufklärer – sondern dass diese Erkenntnis mit äußerster Bestürzung aufgenommen worden ist, lässt sich in der „Fröhlichen Wissenschaft“ nachlesen:

Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? […] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?

Unberührt davon: die Gegenwart. In Zeiten um sich greifender Verunsicherung, zunehmender Individualisierung und der mit diesem Umstand in Verbindung gebrachte Verlust von menschlicher Bindung sowie die fortdauernde Migration von Muslimen nach Europa verhilft manchem Zeitgenossen wieder zu einem positiveren Blick auf die Religion. 

Bei näherer Betrachtung zerfällt diese Wiederkehr des Religiösen in zwei verschiedene, nicht aber notwendigerweise auch getrennt auftretende Seiten: eine anthropologische und eine auf das Gesellschaftliche, d.h. Objektive bedachte. 

Die erste überhöht eine wie auch immer geartete Fähigkeit zur Transzendez zu einer anthropologischen Konstante. Das Bewusstsein für ein „Mehr“ soll uns gleich machen, gleich menschlich. Diese Stoßrichtung ist insofern sympathisch, als dass sie einem Bedürfnis des Menschen nachgeht, der sich in der Moderne stets als verlassen empfinden muss (hierher gehören alle Fragen, die gemeinhin unter dem Begriff der „Sinnsuche“ zusammengefasst werden). Nicht der Frage warum die Menschen sich nach Transzendenz sehnen wird hier nachgegangen, sondern es wird lediglich registriert, dass sie es tun. Mit der Festschreibung des Menschen auf dieses Bedürfnis ist dieser Ansatz – anders als die objektiven Betrebungen – tatsächlich konservativ.

Die andere Seite schätzt an der Religion ihre Objektivität (M. Houellebecq ist der Meinung, dass die Integration von Muslimen wesentlich einfacher verliefe, wäre der Katholizismus in Frankreich Staatsreligion), ihre gesellschaftliche Verbindlichkeit oder ganz banal: ihre Werte. Diese Seite der Wiederkehr des Religiösen verwechselt sich mit einem Konservatismus, trägt in Wahrheit jedoch unverkennbare revolutionäre Bestrebungen, sucht sie doch einen Zustand herzustellen, der de facto noch nicht ist.

Der gesellschaftliche Rekurs auf Religion bar jeder erkenntnistheoretischen Grundlage kommt insofern ganz „postmodern“ daher, als dass es auf die Wahrheit der Inhalte nicht unbedingt ankommt. Registriert die Annahme einer anthropologischen Konstante noch die Stellung des Menschen als einzelnes Wesen, vollstrecken die Liebhaber der Objektivität die Religion streng nach der Maßgabe von Nützlichkeit. Nichts anderes ist es, die Religion als Mittel zur Kur gesellschaftlicher Probleme einzusetzen. Sich etwas Vormodernes wie die Religion mit den Mitteln der Moderne so zurechtzulegen, dass sie die Schmerzen der Moderne lindert: tja, so dialektisch kann die Wirklichkeit sein.

Bleibt Gott also tot? 

Simon Kneip, Jurastudent in Köln.

Foto: Nietzsches Grab in Röcken.

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