Mike Tyson, Meister Eckhart, die Müdigkeit und der Glaube an Europa – Ein Ausflug nach Thorn

von Tom Müller.

Es war im Dezember Achtzehn. Wir waren zwei Dutzend, junge Frauen und Männer, die meisten von uns aus Deutschland. Wir reisten nach Thorn in Polen. 

Manches war, wie wir geglaubt hatten. Das Blond der polnischen Frauen, die Kreuze an ihren Halsketten, der Geruch nach Butter und Zwiebel in den Hausfluren. Wir kamen zu Menschen, deren Land über 100 Jahre von den Landkarten verschwunden, von den Nachbarn besetzt war, doch sie hatten es nie aufgegeben. Wir trugen ein schweres Erbe und hielten die Nasen hoch, um es nicht zu sehen.

Wir lernten unsere Namen, zwei Dutzend an einem Abend, zwischen Steak und Fisch. Wir übten uns in Verständnis. Aber es schien keinen Zweifel zu geben, dass uns dies gelingen werde. Wir glaubten an die Sache, wir hatten sie „Europa“ genannt. Wir glaubten, an dieser Sache arbeiten zu müssen, das sogar zu wollen, wobei wir dazwischen nicht unterschieden. Wer klug war, hatte gelernt zu wollen, was er musste. 

Wir fuhren vom Bahnhof über die Weichsel. Und auf den Straßenkarten stand neben Soldinarnosc häufig der Name Kopernikus, auf Polnisch kurz und schelmisch: Kopernik. An der Universität hatte ich De Revolutionibus gelesen. Darin stellt Kopernikus die Ordnung auf den Kopf, setzt die Sonne ins Zentrum des Alls und erklärt die Erde zu einem Wandelstern. Es ist der Beginn der Moderne. Kopernik widmete seine Schrift dem Papst. Er glaube, schreibt er im Vorwort, erst sein Modell entspreche wirklich einem allmächtigen Gott, da die Ordnung und Berechnung der Planeten jetzt von klarer, göttlicher Einfachheit sei. So entkam er, anders als Galileo Galilei und Giordano Bruno, der Inquisition. 

Am Sonnabend saßen wir von zehn Uhr früh bis acht Uhr abends in einer Universität mit Türmchen und Klinkersteinen und diskutierten über Nation und Religion. Wir lasen Novalis. Seine Schrift lautete „Die Christenheit oder Europa“, und er ersinnt darin eine individualistische Kunstreligion auf Basis einer universellen Ästhetik. Er schrieb, ein viertel Jahrtausend nach Kopernikus: Wo keine Götter sind, walten Gespenster. 

Später hörten wir einen Vortrag über die Karolinger, ein junger maître de conférences, er spricht Deutsch mit französischem Akzent, erzählt, dass das Wort Europa erstmals von den Karolingern verwendet wurde, als Abgrenzung gegen das muslimische Spanien. Ich notiere.

Kaum dass ich den Kopf senke, kommt die Müdigkeit. Ich denke an Mike Tyson. Ich hatte in der Nacht wach gelegen, es schien wohl der Mond, ich entschloss mich zu einer Zigarette am Fenster und sah auf meinem Telefon das Video von Mike Tyson. Es ist die Buchpremiere seiner Biografie in der New York Library. Tyson sitzt da wie ein Fels. Das Publikum ist nicht gekommen, um ihm zuzuhören, es will das Biest sehen, das Männer gefällt hat mit nur einem Schlag, Männer anderthalbmal so groß wie er. Meist mit einem rechten Haken zum Körper. Oder zum Kopf. 

Tyson sucht immer wieder nach Worten. Der Moderator, ein dünner weißer Mann mit Brille und in blauem Anzug, ist ungeduldig, unterbricht, fragt immer wieder nach Cus D’Amato, Tysons Trainer, der doch viel mehr war, ein Medium? Er will ihm die Worte in den Mund legen. Tyson bemerkt es nicht, sucht nach eigenen Worten, vor Publikum, ohne Erfolg. Etwas daran fasziniert mich. Ich kann nicht aufhören, stelle mich klar auf Tysons Seite, – diese verdammten Intellektuellen!

Nation, Religion, Nation, Religion, Nation, Religion – die Begriffe hämmern auf mich ein, wie die Gerte auf einen lahmen Esel. Ich kann nichts damit anfangen.

Ich muss. 

Inzwischen erläutert der Forscher, die Grenzen des Karolingischen Reichs entsprächen denen der Ursprünge der Europäischen Vereinigung, der Montanunion. 

An einer Stelle berichtet der Moderator, Werner Herzog habe ihn gebeten, Mike Tyson nach Pippin dem Jüngeren zu fragen, denn Mike Tyson wisse alle über Pippin den Jüngeren, und die fränkischen Könige. Und dann erzählt Mike Tyson fünf Minuten lang von Pippin the short und seinen Kriegen und Intrigen. Kaum etwas davon stimmt. Doch er sagt es auf wie ein Gebet. We both came from obscurity, sagt er.  Erst später erfahre ich, dass Pippin der erste Karolingische König gewesen ist.

Vielleicht ist es Tyson, der mich auf Meister Eckhart bringt, vielleicht auch die Müdigkeit, die es so schwer macht meine Gedanken zu formulieren. Ausdruck ist ein Kraftakt. Meister Eckhart schürfte  nach Worten, weil er nicht wusste, wie er beschreiben sollte, was er fühlte – war es Gott? Enthusiasmus, Begeisterung – er war süchtig danach, wie wir später im Club unter dem Thorner Rathaus, als der Bass in der Brust dröhnte und der Wodka aus der Flasche floss. Gottesschau, Erkenntnis durch eine mittels Schlafentzug herbeigeführte Trance, war ein probater Weg damals. Und heute: Wollen wir lieber wissen oder an etwas glauben?

Wir saßen noch immer im Seminarraum, ich war so müde. Eins ist klar: Wir sollen etwas wissen wollen. So hat man es uns beigebracht. Und wer klug ist, will, was er soll. Aus letzter Verzweiflung, damit ich endlich aufhöre, nach einem Satz zu suchen, den ich beisteuern kann, wirft die Müdigkeit meiner guten Erziehung einen Brocken hin: Nation und Religion sind Sprachräume kollektiver Empfindungen, für die es keine Worte gibt. Die Forderung, „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, betrifft nichts weniger als die Grenzen des Sagbaren innerhalb der Nation. Wer das versteht, kann nicht erstaunt sein, dass dieser Kampf so erbittert geführt wird. Es ist doch nichts anderes als religiöser Eifer auf einem säkularisierten Feld.

Kurz bin ich hellwach. Es geht um Europa, erinnere ich mich. Gemeinsamkeit. Was vereint. Einfache Worte tun es nicht. Worte trennen, das ist ihr Prinzip. Es sei denn im Gedicht, also Ästhetik, also Rituale, schon bin ich einmal im Kreis, bei Novalis, beißt sich die Katze in den Schwanz. Und jetzt? 

Forderungen. Forderungen sind immer gut. Forderungen von jungen Menschen sowieso. Ich fordere Rituale, ja kultisches, da bin ich voll bei Novalis. Wählen gehen ist einfach nicht erregend genug. Wo ist das Konfetti, wenn man aus der Kabine kommt, wo die Trompeten, wo das gemeinsame Schaumbad in das man steigt mit seinem roten Wahlstempel auf der Stirn, die anschließende Vote-parade? Am 11. September vor hundert Jahren hat D’Annunzio eine Stadt erobert nur mit der Kraft seines Namens und den Orden auf seiner Brust, er regierte sie als Meister der Zeremonie, mit Klavierkonzerten auf der Piazza, Oden, Orgien und Opium – ach, ich verschone euch von diesem D’Annunzio, denn ich kenn die Frage, die darauf folgt, weiß, dass sie berechtigt ist: Wie verheiratet man die Ästhetik mit der Ethik? Ich habe keine Antwort und bitte um eure Vorschläge.

Aber es stimmt doch, welch trübes Land, das darauf baut, das schlechte Gewissen treibe die Anständigen schon am Stichtag aus dem Haus zur Wahl, der einzigen Teilhabe an unserer Kirche, der Nation. Während rundherum alles aus Anreiz erfolgt! 

Sind wir nach Thorn gefahren, zu zwei Dutzend, aus Frankfurt, aus Bamberg, aus Straßburg, aus Zürich, aus Thüringen und Berlin, um zu sitzen und zu lernen, um zu wissen und lehren. Ist es nicht das Versprechen von Gemeinschaft, der Verbundenheit durch eine größere Sache? Die Nation ist zu klein geworden für unsern Glauben, zu krämerisch für uns privilegierte Cosmopoliten und Cosmopiloten des Globus und digitalen Alls. Also Europa, das ist sexy, das schließt französischen Wein, Tapas und Antipasti, Sopska-Salat, Souvlaki, Kötbullar alles mit ein, es ist groß und sophisticated enough, damit wir uns darin wiedererkennen, damit ausdrücken können. Doch dieses politische Europa, was anstellen damit, mit Glühbirnenverordnung, Kartoffelsortenbeschränkung und Flüchtlingsdebatte? Am Abend wehte ein kalter Wind. Der Professor führte uns zur Kopernikstatue. Kopernik hatte den Finger erhoben, eine Typisierung nach Platon auf Raffaels Gemälde „Die Akademie“, wie der Professor erklärte. Die Inschrift lautete: Er setzte die Erde in Bewegung und brachte Sonne und Himmel zum Stillstand. 

Diese Geschichte hat noch kein Ende, deshalb breche ich hier ab. Aber ich versuche, ganz brav, eine Bilanz. 

Im Katholizismus heißt es, woran man glaubt, das ist da, dafür muss man nicht arbeiten. Nennen wir es Arbeit an Europa, weil der Glauben daran schwindet? 

Arbeit und Glauben bezweifeln einander nicht. Die Arbeit am Glauben will sich seiner nicht erst versichern. Erst der Glaube heiligt die Arbeit. Er gibt ihr den Grund. Am Glauben zu arbeiten heißt die Löcher im Welt-Raum zu verfugen, die sich auftun, je näher wir die Grenzen betrachten. Kann ich das beweisen? Leider nicht, ich werde erstmal nur dran glauben.

Zitat Mike Tyson nach: https://www.youtube.com/watch?v=SBub0mPfkk4 (Pippin, the short: ab Min. 30:28)

Foto: Wanderer am Weltenrand, 1888.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s