Erste Begegnungen

Charlotte von Bernstorff berichtet über das Auftakttreffen für das „Europäische Archiv der Stimmen“ in Hamburg.

Anfang der 1930er Jahre überlegte der Schriftsteller Stefan Zweig in seinen Europa-Reden, wie man eine junge Generation hervorbringen könnte, die eine emotionale Bindung zu Europa hat. Zweig glaubte, man könne dies nur durch eine Hinwendung zur gemeinsamen Kulturgeschichte Europas erreichen, durch Begegnung und Austausch zwischen jungen Menschen, die zu Vermittlern eines toleranten Europas würden. Knapp 90 Jahre später, weht ein Wind den Geist Stefan Zweigs an die Hamburger Binnenalster.

Im Ballinhaus, dem Hauptsitz der Reederei Hapag Lloyd, konnte man in der großen Schalterhalle einst Schiffstickets zur Atlantiküberquerung kaufen. »Mein Feld ist die Welt«, steht in goldenen Lettern über dem Eingangsbereich. An einem kalten Januartag sind hier vierzig junge Europäerinnen und Europäer aus über dreißig Ländern eingetroffen. Die meisten von ihnen kennen sich nicht, kennen nicht einmal die Initiatoren des Projekts, das an diesem Wochenende seinen Anfang nimmt. Sie haben sich einfach auf den Weg gemacht, aus Neugier vielleicht, und aus dem Wunsch, einander zu begegnen. In den kommenden zwei Jahren sollen sie bedeutende europäische Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in ihren Heimatländern interviewen. Menschen, die zwischen 1920 und 1940 geboren sind, die also nicht mehr lange befragt werden können, sollen ihre persönlichen Lebensgeschichten erzählen. So soll ein der Öffentlichkeit zugängliches »Europäisches Archiv der Stimmen« geschaffen werden, auf das spätere Generationen zurückgreifen können.

»Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass man eine Perspektive auf Europa findet, die durch Erfahrung, vielleicht auch durch enttäuschte und erfüllte Hoffnungen geprägt ist und die Frage nach Europa wie es jetzt ist, wie es werden könnte, glaube ich, kann man nicht ohne einen Blick in die Vergangenheit und das, was geschehen ist, stellen«, sagt die Schriftstellerin Nora Bossong, Mitinitiatorin des Projekts. Die Idee des Projektes sei eine kulturelle, ergänzt der Journalist und Autor Simon Strauß. »Es geht nicht um eine tagespolitische Arbeit bei der Fragestellung EU, ja oder nein, Probleme oder Risiken der Europäischen Union. Sondern es geht darum, Europa als eine Idee erfahrbar, lebendig zu machen.« Denn ein Europa, das sich bloß als geografische und wirtschaftliche, nicht aber als kulturelle Gemeinschaft versteht, so zeigt sich gerade in vielen Ländern Europas, kann auf Dauer nicht von Bestand sein. 

Der europäischen Idee wird an diesem Tag neues Leben eingehaucht. Die Begrüßungsrunde wäre ein Fest für Phonetiker, gerollte, gegurgelte und spitze »R’s«, schüchterne, aufgeregte und selbstbewusste Stimmen lösen einander ab. Interessierte Nachfragen werden an die Projektinitiatoren gerichtet und emphatisches Lachen hallt durch den Raum als ein slowenischer Philosoph erzählt, er arbeite als Steuerberater. Der Soziologe Heinz Bude hält einen Vortrag über »Die Kunst des soziologischen Interviewens« und warnt die Interviewerinnen und Interviewer davor, nicht bloß Statements abzufragen, die wir alle kennen, warum Europa eine gute Sache sei oder eben nicht. Es gehe vielmehr darum, den Raum zwischen der Möglichkeit und der Unmöglichkeit Europas auszuschöpfen. »Die Frage von Europa ist am Ende auch immer eine Frage einer persönlichen Involvierung in Europa«, sagt Bude, bevor er einen der modernen Konferenzräume betritt, in denen im Laufe des Tages in zehn Themen-Workshops Fragen für die Interviews erarbeitet werden sollen.

An einem Tisch sind ein russischer Journalist, eine in London lebende Opernregisseurin aus Frankreich und eine niederländische Althistorikerin in ein Gespräch über kulturelles Bewusstsein vertieft. Eine Albanerin erzählt in einer Runde, die sich mit »Heimat & Ursprung« auseinandersetzt, sie habe sich immer als Europäerin gefühlt, obwohl Albanien nicht Teil der EU ist. An einem anderen Tisch verhandeln eine medizinische Forschungsassistentin aus Belgien und ein tschechischer Philosoph die Bedeutung von Religion in den jeweiligen Ländern. Jede halbe Stunde läutet eine altmodische Glocke. Die Teilnehmer verlassen widerwillig die laufenden Diskussionen und kommen in neuen Konstellationen zusammen, nur um sich sofort in das nächste Thema zu vertiefen. »In Norwegen kann sich jeder aus dieser Generation an den Tag erinnern, als ihr einmarschiert seid«, sagt eine norwegische Schriftstellerin zu einer deutschen Religionslehrerin. 

Die produktivsten Diskussionen finden dort statt, wo Menschen aus besonders unterschiedlichen Ecken Europas ins Gespräch kommen, sich widersprechen, Begriffe, wie zum Beispiel Freiheit, aus einer ganz unterschiedlichen Perspektive beleuchten. Trotz der vielen Sichtweisen, scheint man sich in einer Sache einig: Kaum eine europäische Lebensgeschichte macht an einer nationalen Grenze halt. Es wird gestritten, räsoniert und gelacht; Abends gegessen, ausgelassen getanzt, geflirtet und zu später Stunde erleuchtet den Himmel über dem Hamburger Hafen für einige Sekunden ein Feuerwerk. »We are creating some extra European Stars«, resümiert Stefan aus Bosnien-Herzegowina, zündet eine Rakete an, stolpert durch den Schnee davon und hält sich an jemandem fest. Einer Antwort auf die Frage, was uns in Europa zusammenhalten könnte, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem Tag schon ein Stück näher gekommen. »Ein Facebook-Post wird die Sache nicht retten«, sagt Simon Strauß. Alles muss mit einer Begegnung beginnen.

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