Der Natur nach

Benjamin Loy berichtet über das letzte Treffen von „Arbeit an Europa“ in Uppsala, Schweden. 

In der Zeit der großen Gretamorphose unserer Naturbetrachtungen beginnt eine Reise nach Schweden an einem Freitagmittag passenderweise mit verspäteten Bussen, die auf ihrem Weg nach Tegel in der Berliner Innenstadt die demonstrierenden Klima-Aktivisten umfahren müssen. „Fliegen Sie nach Brüssel?“, fragt der Mann von der Sicherheitskontrolle beim Anblick unserer im Röntgentunnel verschwindenden Europa-Flaggen mit dem Unterton derjenigen, die von dieser Union offenkundig wenig halten und noch weniger von ihr zu erwarten haben. Europa durchleuchten – darum soll es einmal mehr gehen in diesen Tagen in Uppsala. Die Scham fliegt mit. Unter uns ziehen die parzellierten Felder vorbei, in denen das Nitrat pulsiert, dann das glatte Ostseewasser, unter dem die Munitionsfriedhöfe schlummern. „Natur“, dieser Sehnsuchtsbegriff, der uns während der kommenden Tage beschäftigen soll, scheint in unserer verseuchungsgewissen Spätmoderne längst jeglicher Verheißungen ledig, und nur mühsam kaschieren das sanfte Gleiten der Maschine und unseres Blicks über die Landschaft unsere tiefe Verstrickung in die ganze Misere.

Während einige von uns tatsächlich in Stockholm noch Selfies mit der Heiligen Greta schießen, die in der gleichen Woche in Frida-Kahlo-Pose auf dem Cover des TIME-Magazine und (selbstverständlich nach einer Zugfahrt) in Wien Arm in Arm mit Arnold Schwarzenegger erscheinen wird, umweht uns beim Ankommen auf unserem gemütlich auf dem Fyrisån schunkelnden Hotelboot ein Hauch von Solidarnosc: Johan, der Eigentümer, der in seinem Auftreten wie eine zeitgenössische Figur aus einem Bergman-Film wirkt, erzählt uns, dass wir uns auf einem renovierten, ehemaligen Schlafschiff für polnische Werftarbeiter aus den 80er Jahren befinden. Jede Generation dieses Kontinents kämpft ihren eigenen Kampf. Das sieht auch Toni so, auch wenn er sich längst jenseits des Getümmels bewegt: Auf dem Weg von Augsburg ans Nordkap in Uppsala mit einem Getriebeschaden an seinem T5 gestrandet, wird der Bär von einem Schreinermeister mit seinen zwischen Euphorie und Apokalypse pendelnden bayerischen Suaden in den kommenden Tagen immer wieder unser Treffen und das Weltgeschehen kommentieren: Schön sei das, dass sich jetzt so viele junge Leute Gedanken machten um das Klima und alles, aber Veränderung? „Des werd schwierig, verdammt schwierig“, sagt der Toni, während er die Augen zu Schlitzen verengt und die Luft durch die Winkel seines gewaltigen Mundes zischen lässt.

Uppsala, etymologisch: „der höhergelegene Hügel“. Könnte es einen besseren Ort geben für den Versuch, Übersicht über die Dinge zu gewinnen? Bei Dauerregen und Kanelbullar spüren wir der Natur nach, arbeiten uns vor von Rousseau bis zu Bruno Latour, von der Idee der Natur als nicht durch die Gesellschaft korrumpiertem Raum bis zur Erkenntnis, dass sich „die ökologischen Krisen meist im Verschwinden jedes Außen der menschlichen Welt ausdrücken, im Verschwinden jeder Reserve für das menschliche Handeln, jeder Deponie, wohin sich bisher die Handlungen externalisieren ließen.“ Latour spricht von der Notwendigkeit der „Sprachverlegenheit“, mit der wir uns in unserem Blick auf die verheerte Umwelt der Gegenwart konfrontieren müssen, die für ihn streng genommen gar nicht mehr existiert, da „die Sorge um die Umwelt in dem Moment beginnt, in dem es gerade keine Umwelt mehr gibt,  es jenen Realitätsbereich nicht mehr gibt, wo man sich sorgenlos der Folgen des politischen, industriellen und ökonomischen Lebens der Menschen entledigen konnte.“

Die Suche nach einer Sprache für eine neue (Um-)Welt gegen das Krakeelen derjenigen, die tunlichst in der Fortführung ihrer sorgsam eingeübten Lebens- und Konsumformen des 20. Jahrhunderts nicht gestört werden wollen – die Frage nach dem Verhältnis der Generationen wabert beständig durch die Gespräche an den teuren schwedischen Tresen. Die Moderne steckt uns in den Knochen und zugleich weckt das Leben in dieser sich beständig fragmentierenden Gegenwart Sehnsüchte nach Ganzheiten, bei deren Sinnhaftigkeitsbeurteilung die Meinungen freilich auseinandergehen. Wir suchen weiter und doch stoßen wir schon bei Eichendorffs „Mondnacht“ auf mehr Konjunktiv als erwartet, bei Baudelaire dann sowieso, der in seiner Existenz im spleen, jener „Katastrophe in Permanenz“, wie es Walter Benjamin nannte, als poetischer Trosthort ebenso ungeeignet scheint wie Franz Marc, der aus den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs heraus zu uns spricht – und doch die Hoffnung nicht aufgibt auf jenes „geheime Europa, das vielwissende, alles hoffende Europa der geheimen Geister, den Typ des »guten Europäers«, den schon Nietzsche entdeckt und geliebt hat.“

Einstweilen aber beschäftigen wir uns mit dem schon von Marc leidlich erfahrenen „Vordergrundgeschrei der Tagesgeister“ und warten gespannt auf die Hochrechnungen des europäischen Wahltages. Wollte man den Stellenwert des europäischen Parlaments anhand der Berichterstattung über sein Zustandekommen ermessen, es müsste einem bang werden: Der Parlamentssender lässt unaufhörlich Balkendiagramme rotieren und wehe dem Wahlinteressierten, der die Parteienkürzel der slowenischen, maltesischen oder bulgarischen Politlandschaft da nicht gleich selbst in Sitzverhältnisse und Fraktionszugehörigkeiten einzuteilen vermag. Gleichzeitig raunt bei den die Inhaltsleere des politischen Diskurses auf neue Höhen treibenden Interviewrunden eine deutsche Übersetzerstimme ins Mikrofon, die problemlos jedes drittklassige Kriminalhörspiel der 70er Jahre hätte bestreiten können. Die Grenzen der Zumutbarkeit strapaziert Manfred Webers Wahlansprache auf „Englisch“ gleichermaßen, die Grünen feiern ausgelassen im Kielwasser des Greta-Effekts und einigen können wir uns zumindest alle auf die Schönheit eines deutschen Kompositums, das sämtlichen Korrespondenten in Brüssel mit einer bewundernswerten Leichtigkeit von den Lippen geht: „Spitzenkandidatenprinzip“.

In Uppsala fällt weiter der Regen und nirgends kann man sich noch einmal so schön melancholisch der alten Idee von der eindeutigen Ordnung der Natur hingeben wie bei einem Vortrag im botanischen Garten über den berühmtesten Sohn der Stadt, Carl Linné. Im Naturkundemuseum nebenan dümpeln die Präparate in ihrem ewigen Alkohol, während auf den Wahlplakaten in der Innenstadt noch der Schriftzug „Make Sweden lagom again“ prangt. „Lagom“, so lässt sich erfahren, ist eigentlich eine Art schwedisches Tugendideal, das einen Lebensstil beschreibt, bei dem es am Ende für alle reichen soll (dem Mythos zufolge geht der Begriff auf den Akt des gemeinschaftlichen Trinkens aus einem Becher zurück, der genau so viel enthalten soll, dass jedes Mitglied der Trinkgemeinschaft einmal und gleich viel davon trinken kann). Wenn, wie Peter Sloterdijk einmal über den zivilisationsdynamischen Hauptsatz der Moderne notiert hat, „im Weltprozeß ständig mehr Energien freigesetzt werden, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können“, dann scheint in der „Lagomisierung“ ein nicht uninteressantes Modell der Bewirtschaftung einer sich neuerdings beständig ihrer Begrenzung erinnernden Welt zu liegen. Aber kann der Mensch aus seiner Haut? Wir diskutieren über Keynes und Verhaltensökonomie und die Frage, ob der Mensch seinen „animal spirit“, jenen „spontaneous urge of action“, von dem der britische Ökonom einmal sprach, wohl wirklich einzuhegen vermag. Wir diskutieren über die Natur des Menschen und die Natur der Politik, fragen nach dem Grundsätzlichen jenseits der eingeübten Diskursschablonen, die uns gerade an diesem Wahlwochenende wieder in ihrer ganzen rhetorischen Armseligkeit vorgeführt werden. Einstweilen gilt es weiterzuspüren, nach Europa und der Natur nach, in einem Moment, der doch schon so unvermeidlich nach der Natur zu liegen scheint, oder wie es W.G. Sebald in seinem gleichnamigen „Elementargedicht“ einmal notierte: „Es bahnen die stillen Mutationen den Weg in die Zukunft“.

 

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