Coronakrise – eine Zeitenwende?

von Jörg Nies.

Wie geht es den Interviewern und Europazeugen unseres „Europäischen Archiv der Stimmen“ in der Corona-Krise? Auf unserem Blog werden wir Berichte aus ganz Europa veröffentlichten. Jörg Nies berichtet über die Situation des Jesuiten Bartolomeo Sorge in Italien.

„Falscher Priester, teuflisch, Ketzer, Kommunist, Freimaurer, du zerstörst die Kirche.“

Es sind solche Beschimpfungen, die Bartolomeo Sorge gegenwärtig sagen lassen, dass es die schlimmsten seien, mit denen er in seinen nunmehr über neunzig Lebensjahren konfrontiert werde. Das ist insofern bemerkenswert, da Sorge schon viele schwierige Situationen erlebt hat. Padre Sorge, wie er meist genannt wird, trat bereits 1946, kurz vor seinem 17. Geburtstag in die „Gesellschaft Jesu“, besser bekannt als Jesuitenorden, ein.

Nach seinem Studium machte ihn der Orden früh zum Redakteur und späteren Schriftleiter von „La Civilità Cattolica“. Die Jesuiten verantworten zwar bis heute diese Zeitschrift, doch vor einer Veröffentlichung müssen alle Artikel dem Vatikan vorgelegt und bei Beanstandung überarbeitet werden. Bartolomeo Sorge erlebte so viele Umbrüche und Richtungsstreitigkeiten unmittelbar. Doch nicht nur für die Kirche waren die Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) unruhig. In Italien veränderte sich die Gesellschaft und Politik wesentlich. Sorge war dabei selbst eine wichtige Stimme. Durch unzählige Artikel, Vorträge und Veranstaltungen trat er für die Befolgung christlicher Prinzipien ein. Die katholische Soziallehre ist für ihn nicht nur eine Theorie. Er wendet sie auf konkrete Fragen an, welche die Politik, die Wirtschaft und das soziale Zusammenleben betreffen.

Wie diese Ideen praktisch umgesetzt werden können, zeigte er in Palermo. Seit Mitte der achtziger Jahre baute er dort das Institut für politische Bildung „Pedro Arrupe“ auf, benannt nach dem Ordensoberen der Jesuiten – auf. Es wurde zu einem Ort, an dem Menschen sich versammelten, die nicht mehr länger ihre Situation hinnehmen wollten. Sorge gründete Gruppen und Initiativen und wurde dadurch zu einem der Wegbereiter des „Primavera di Palermo“, des „Frühlings von Palermo“. Damit wird heute der Beginn einer Bewegung bezeichnet, die sich gegen den Einfluss der Mafia wehrt. Wenn Padre Sorge darüber berichtet, dann ist viel von der Energie zu spüren, die sich damals Bahn brach. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen wurde zusammengearbeitet und sich kollektiv gegen Ungerechtigkeiten erhoben.

Die Erfahrung eines gemeinsamen Miteinanders hat Sorge geprägt – daraus entwickelt er eine Perspektive für die Zukunft. Es ist eine Vision geteilter Werte, für die Europa stehen soll und die es aus seiner Geschichte kennt. Die in den Nachkriegsjahren möglich gewordene Zusammenarbeit über Grenzen hinweg, das Eintreten für jede und jeden Einzelnen in Schwierigkeiten und Notsituationen, sind Grundsätze, für die er sich stark macht. Heute lebt Padre Sorge nördlich von Mailand in einem Altenheim des Jesuitenordens und ist weiterhin aktiv.

Zu seinem 90. Geburtstag erschienen gleich zwei Bücher. In einem wendet er sich gegen den Populismus und im anderen legt er seine aktuellen politischen Ideen dar, die auf der Soziallehre der katholischen Kirche und spirituellen Überlegungen beruhen. Daneben twittert Bartolomeo Sorge auch und mischt sich in aktuelle Debatten ein, gerade jetzt wo er das Haus nicht mehr verlassen darf und selbst zur sogenannten Coronavirus-Risikogruppe gehört. Dem Slogan von Matteo Salvini „Prima gli Italiani“ – „Zuerst die Italiener” begegnete er mit „Prima i bisognosi“ – „Zuerst die Bedürftigen“.

Die Tonlage in der Krise wird nun deutlich schärfer. Nachdem spekuliert wurde, dass Migranten für die Ausbreitung des Virus verantwortlich seien, meldete sich Padre Sorge erneut mit einem Tweet zu Wort. In diesem rief er dazu auf, sich gegen die Behauptung zu stellen, dass die Krankheit durch die Öffnung eines Hafens mit Flüchtlingen ausgebrochen sei, sondern vielmehr in der reichsten Region Italiens begonnen habe. Der Aufschrei ist entsprechend groß und geht mit massiven Beleidigungen einher, die dem Jesuiten seitdem entgegengebracht werden.

Doch vermutlich sieht Bartolomeo Sorge diese selbst als ein Bestandteil einer Zeitenwende, und von diesen hat er schon einige erlebt. Auch die aktuelle Krise stellt er in eine Reihe von Umbrüchen. So sei das Ende von Ideologien immer durch bestimmte Ereignisse besiegelt worden: Der Untergang des Nationalsozialismus durch den Zweiten Weltkrieg, der des Kommunismus durch den Fall der Berliner Mauer, der des Kapitalismus durch die Weltfinanzkrise und nun der des unabhängigen Individualismus („individualismo sovranista“) durch Covid-19. Ob diese Annahme stimmt, wird die Zukunft zeigen.

Padre Sorge ist von einem Optimismus getragen, weil er Hoffnung in die Menschen setzt und zugleich davon überzeugt ist, dass Gott in der Geschichte handelt. Auf die Anfeindungen reagiert er, indem er bekennt, dass er um seine eigene Schwachheit weiß, aber als Priester Zeuge für Christus sein will.

Twitter von B. Sorge: https://twitter.com/bartolomeosorg1?lang=de

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