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Ja natürlich, alles für die Kultur!

Immer, wenn ich an das Interview mit Truda Stamać denke, fällt mir ein Satz ein, den Sie damals gesagt hatte. Als ich ihr damals unser Projekt – das „European Archiv of Voices“ – vorgestellt und sie gefragt habe, ob sie Lust habe, daran teilzunehmen, war ich schon auf eine Ablehnung oder wenigstens auf viele zusätzliche Fragen vorbereitet. Wozu das Ganze, was sie damit anfangen sollte oder ob es eine konkretere Vergütung gäbe; ich habe mir im Voraus Antworten zu jeder dieser potenziellen Fragen schriftlich und mündlich vorbereitet, eine Verteidigung unserer Idee, unserer Sache ausgeklügelt und war schon bereit, einen feurigen Überzeugungskampf zu beginnen, als sie einfach den Satz sagte: „Ja natürlich, alles für die Kultur!“. Und gerade diesen Satz, dessen Schlichtheit und Aufrichtigkeit mich verdutzt haben, würde ich rückblickend als ihr Lebensmotto bezeichnen, das glücklicherweise auch in unserem Projekt aufgenommen wurde.

Truda Stamać war eine Frau, die die Kultur tatsächlich lebte und zeitlebens für sie arbeitete. Zierlich, unaufdringlich und bescheiden, wie sie war, könnte man denken, dass ihre Hinterlassenschaft in der kroatischen Kultur ebenso subtil wie sie selbst war. Doch man würde sich irren. Gerade Truda Stamać ermöglichte es, dass die kroatische Leserschaft zahlreiche belletristische Werke aus dem deutschsprachigen Raum durch die eigene Sprache kennenlernen kann. Bernhard, Bachmann, Celan, Bücher, Böll, Hesse, Müller, Sachs und viele andere wurden von Stamać erfolgreich übersetzt – wofür sie natürlich reichlich ausgezeichnet wurde, zu Hause sowie im Ausland. Egal ob Prosa, Poesie oder dramatische Werke, Stamać konnte mit einer überraschenden Eleganz sowohl die inhaltlichen als auch die formalen Besonderheiten etlicher literarischer Werke erkennen und sprachlich wiedergeben, sodass jede ihrer Übersetzungen ein Kunstwerk für sich war. Doch blieb sie nicht nur beim Übersetzen, sondern schrieb auch eigene literarische Werke und leistete als Vermittlerin zwischen Kroatien und dem deutschsprachigen Raum einen großartigen Beitrag zum gegenseitigen kulturellen, sprachlichen, aber auch geschichtlich-politischen Verständnis und Austausch zwischen unterschiedlichen Räumen, in denen sie persönlich auf eine je eigene Art und Weise geprägt wurde.

Was sie den kommenden Generationen raten könne, war eine der letzten Fragen im Interview. Wenn man mit einer Person spricht, deren Lebenslauf so viele vorbildliche Leistungen aufweist, wie es bei Truda Stamać der Fall war, könnte man wegweisende Empfehlungen oder Mahnungen, belehrende Predigten oder einfach nur Richtlinien für das künftige Handeln erwarten. Sie habe keine, sagte sie. Wieder schlicht und bescheiden in ihrem Denken und Handeln, meinte sie, dass jede Generation ihre eigenen Fehler machen und daraus lernen müsse. Sie habe ihre gemacht, jetzt sei es an der Reihe, dass wir auch unseren Teil der Geschichte selbst erleben und gestalten. Und je mehr ich darüber denke, desto mehr kann ich ihr zustimmen. Ihr Leben war ihr eigenes und sie hat uns als die wichtigste Orientierung für unsere Zukunft ihr Vorbild und ihre Arbeit hinterlassen. Dahinter stand ein unermüdlicher Enthusiasmus für das Eigene, für das Andere und all die wundervollen Nuancen dazwischen. Wenn ich an Stamać rückdenke, fallen mir natürlich all die Preise, Auszeichnungen und Ehrungen ein, mit denen ihr Lebenswerk geehrt wurde, aber auch ihre entzückend einfache und stets höfliche, angenehme Umgangsart mit anderen Personen, sodass ich nicht nur ihr Werk, sondern auch ihre Persönlichkeit schätzen lernte.

Der Übersetzerberuf war für Truda Stamać eine Berufung. Sie hat ihre Arbeit mit einer Hingabe und Leidenschaftlichkeit ausgeübt, die nur den Hervorragendsten unter uns zu eigen ist. Und Truda Stamać war eine solche, sowohl als Übersetzerin wie auch als Person. Und ich glaube, ich kann im Namen unseres ganzen Teams sagen, dass es eine große Freude und Ehre ist, ihre Erinnerungen im European Archive of Voices festgehalten zu haben.

Zagreb, den 09.02.2021