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„Hunde des Himmels“ von Christian Heidrich

Als Schülerin und Schüler bekommt man im Unterricht beim Thema Lyrik schnell die pragmatische Definition an die Hand, dass die Autoren und Autorinnen durch ihre ausgewählte Sprache und Konzentration auf einen überschaubaren Text Erfahrungen, Ereignisse und Erlebnisse verdichten. In ihrem Dichten Wirklichkeit verdichten.

In der aktuellen Gedichtsammlung „Hunde des Himmels“ von Christian Heidrich aus dem Jahr 2020 geschieht eben dies, aber – so scheint es – manchmal erst auf den zweiten oder dritten Blick. Denn für ihn sind oft alltägliche, unscheinbare Wirklichkeiten die Auslöser und Ansatzpunkte für seine Gedichte. Manche kurz und manche über mehrere Seiten. Er lässt dem Leser und der Leserin die Möglichkeit und die Freiheit, in den angehängten Hinweisen nach Verweisen zu suchen. Dies könnte Heidrichs Versuch sein, hinter den Vorgang der Wirklichkeit blicken zu lassen, die ihn zu seinen Gedichten geführt hat.

In diesen ausgewählten Gedichten zeigt sich ein Dichter am Ringen – mit sich und den Geschehnissen in der Welt aus Vergangenheit und Gegenwart. Dabei verweben sich zwei inhaltliche  Linien immer wieder und wiederholen sich auch in ihren Motiven: Glaube und Politik.

Als Theologe prüft Heidrich die christliche Botschaft an der Wirklichkeit, in die sie hinein wirken soll. Geschieht die Wandlung, um die sich alles dreht? Entfaltet sich die Wandlung dieser Welt aus dem Handeln Gottes heraus oder sind die Menschen abgelenkt von vermeintlich anderen Dingen, wie es in einer Strophe des titelgebenden Gedichtes heißt?

Wir sind die Hunde des Himmels,

mit uns Diogenes, Eliade und Pascal.

Wir heulen den Mond an, räkeln uns

im Glanz der Sonne, glotzen auf

schöne Frauen, essen gern Süßes,

trinken süffigen Wein. Wir lieben

das folgenlose Gerede. Schweigen

können wir nicht. So zählen wir Protonen,

Schöpfungstage und Medaillen.

Sein politischer Blick führt Heidrich – 1960 in Bierawa / Oberschlesien geboren – in verschiedenen Varianten in das Polen des vergangenen Ostblocks und der Gegenwart durch Orte und Personen, die besucht oder zitiert werden. In unserem Nachbarland entdeckt er deutlich die Wirkung der christlichen Wandlung, die nicht nur den Glauben, sondern ein Land und mit ihm die Welt verändern konnte.

„Hunde des Himmels“ erinnert daran, dass die uns alle umgebende Wirklichkeit, der wir tagtäglich begegnen, eine Dichte besitzt, die in immer neuen Anläufen durchdrungen werden muss. Gerade deshalb braucht es wohl immer wieder Dichter und Dichterinnen, die mit ihrer Lyrik ihre und unsere Wirklichkeit verdichten.

Wie tragisch! Wie schön!

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Was alles der Fall ist, wissen wir nicht.

Wir nähern uns an – asymptotisch, wie

ich früher lernte. Der Wahrheit. Dem Tod.

Der Mann mit dem Buch. Ein Gescheiter,

ein Gescheiterter?

(aus: Lineare Algebra)