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Essay

Der Kampf gegen die Mafia ist Teil von Europa

Am 21. März findet der jährliche Gedenktag für die unschuldigen Opfer der Mafia statt. Der Tag steht nicht nur den Frühlingsbeginn, sondern auch für das Erwachen der italienischen Gesellschaft, die das mafiöse Phänomen hervorgebracht hat und heute “Antikörper dagegen in die Welt exportiert”, wie Antimafia-Kämpfer Nando Dalla Chiesa es formuliert. Dalla Chiesa ist Vizepräsident der größten italienischen Antimafia-Organisation “Libera”. In diesem besonderen Jahr begeht sie den Gedenktag zum zweiten Mal digital, die Geschichten ausgewählter Opfer werden im Videoformat erzählt, denn viele der Angehörigen haben bis heute keine Gerechtigkeit erfahren. Doch nicht nur in Italien, auch in Deutschland werden die Gefahren einer mangelnden Auseinandersetzung mit mafiösen Strukturen und Verbrechen immer sichtbarer.

Auf diesem Gebiet ist Nando Dalla Chiesa der Experte, der Sohn des 1982 von der Mafia ermordeten Carabinieri-Generals Carlo Alberto Dalla Chiesa. Der einundsiebzigjährige ist Soziologe und zugleich Ikone im Kampf gegen die organisierte Kriminalität. Er war lange als Abgeordneter im italienischen Parlament tätig, hat an der Universität von Mailand das Institut für Soziologie der Organisierten Kriminalität gegründet und plädiert immer wieder öffentlich für einen anderen Umgang mit der mafiösen “Kultur” und einem verstärkten Kampf gegen die Mafia in Europa.

Häufig zitiert der Antimafia-Kämpfer dabei das Gedicht “Ist das ein Mensch?” des italienischen Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Es endet mit einem alttestamentarisch anmutenden Fluch, der sich an alle richtet, die sicher in ihren warmen Häusern leben, verdrängen und vergessen. In manchen Fragen gibt es keinen Kompromiss, nur eine klare Entscheidung für oder gegen das Böse. Dalla Chiesa erkennt in mafiösen Strukturen eine Erscheinung der Macht der Grauzone, eine Metapher, die in den Büchern Primo Levis die Shoah erklärt. 

Mit Grauzone meint Dalla Chiesa nicht all jene Bürger, die im falschen Moment wegschauen. Das Konzept greife tiefer und beschreibe einen seelischen Zustand: Wer in der Grauzone lebt, mache sich mutwillig zum Opfer der Versprechen derjenigen, die anderen Schaden zufügen, um sich selbst zu ermächtigen. Die Grauzone erklärt insofern die Unfähigkeit der Mitläufer, auf Gefahren zu reagieren: Sie werden zu sich selbst viktimisierenden Henkern, und das nicht nur in der Welt, sondern im Geist.

Das wichtigste Buch Primo Levis, “Die Untergegangenen und die Geretteten” von 1986, ist im selben Jahr erschienen, in dem auch der Maxi-Prozess gegen hunderte Angehörige der sizilianischen Cosa Nostra begann, darunter die Verantwortlichen für den Mord an Dalla Chiesas Vater. Schwerpunkt seiner grenzüberschreitenden Aufklärungsarbeit liegt auf den Universitäten: Wenn man wisse, dass man selbst in Italien an manchen Orten noch Jura studieren kann, ohne je etwas von Organisierter Kriminalität gehört zu haben, braucht man sich gar nicht erst fragen, wie es im Rest Europas aussieht, empört sich der Professor.

Die italienische Antimafia-Bewegung, die in Europa als Erfolgsmodell gilt, sei seit langem im Begriff, sich zu europäisieren, doch müsse im Ausland vielerorts noch der politische Wille gewonnen werden, ihre Inhalte und Strategien zu übersetzen und für neue Kontexte fruchtbar zu machen. Dalla Chiesa hebt die Arbeit grenzüberschreitende Vereine wie “mafianeindanke” hervor, die diese Übersetzungsarbeit leisten, indem sie zweisprachig arbeiten. Ein weiteres Beispiel für europäische Vernetzung ist das drei Jahre alte Netzwerk CHANCE (“Civil Hub Against organised Crime in Europe”). 2019 durfte das Netzwerk seine politische Agenda bereits vor dem Europäischen Parlament in Brüssel vorstellen. 

Die aktuelle Lage ist für Aktivisten ungünstig: Der Soziologe beklagt, dass die Pandemie die Mafia begünstigt und die Antimafia schwächt. Öffentlichkeitswirksame Debatten leben laut Dalla Chiesa vom persönlichen Austausch, von der Präsenz der Bewegung im öffentlichen Raum. Tragischerweise wurde gerade Italien von der Pandemie besonders hart getroffen. „Libera“ musste ihr 25-jähriges Jubiläum in Palermo im letzten Jahr ausfallen lassen. Auch künstlerische Projekte, darunter Antimafia-Theaterstücke und -workshops, können aktuell kaum stattfinden. Dabei sei die Bedeutung einer kreativen Annäherung nicht zu unterschätzen: Kunst ist auch in dieser Hinsicht systemrelevant. 

Ein Meilenstein in der Geschichte der Antimafia-Bewegung war die sogenannte Palermo-Konvention, das von der UN-Generalversammlung am 15. November 2000 angenommene Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, welches die völkerrechtliche Grundlage für internationale Rechtshilfe, Auslieferung und Polizeikooperation geschaffen hat. Die Idee, die Mafia auf transnationale Weise zu bekämpfen, äußerte, kurz vor seiner Ermordung, der italienische Nationalheld und Richter Giovanni Falcone im April 1992 vor den Vereinten Nationen. Dennoch fehlen auf europäischer Ebene bis heute Institutionen, die ein strategisches Vorgehen im Kampf gegen Organisierte Kriminalität ermöglichen würden.

Interessant wird es, wenn man Dalla Chiesa danach fragt, wie sich sein Antimafia-Manifest zur europäischen Kulturgeschichte verhält. Dabei kann es im Sinne Max Webers nur um idealtypische Vorstellungen gehen. Der Professor sieht die Grundgedanken der französischen Revolution und die christlichen Werte, welche das heutige Europa geprägt haben, nicht im Widerspruch: Richtig verstanden wirken beide als moralischer Kompass gegen die Mafia. So hält er es für die europäische Gemeinschaft für fundamental, dass der Papst die Mafia exkommuniziert hat. Als Vorbilder für sein eigenes Leben und Wirken nennt Dalla Chiesa den tschechischen Menschenrechtler und Politiker Václav Havel, den französischen Philosophen Edgar Morin und den italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio: Drei intellektuelle Antikonformisten und Widerständler. Wie er selbst, haben sie den Weg zu einer gerechteren Ordnung vorgelebt, in der nicht vergeben und vergessen werden muss, sondern Freiheiten durch Vernetzung erkämpft werden. 

Helena Raspe engagiert sich in verschiedenen, deutsch-italienischen Anti-Mafia-Vereinigungen, wie „mafianeindanke“ und publiziert regelmäßig zu unterschiedlichen Themen der organisierten Kriminalität in Europa und der Welt. Zum heutigen Gedenktag erscheint erstmals auch ein deutscher Wikipedia-Eintrag: Gedenktag für die unschuldigen Opfer der Mafia.