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Essay

Andreas Landshoff – eine europäische Verlegergeschichte

In der ersten Dezemberwoche starb in Amsterdam in seinem Haus in der Herengracht im alten Zentrum der Stadt der Verleger Andreas Landshoff; er wurde 91 Jahre alt. In Amsterdam, nur ein paar Straßen weiter in der Keizersgracht 333, hatte sein Vater Fritz Landshoff mit seinem holländischen Kollegen Querido den gleichnamigen Verlag geleitet, der bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht der bedeutendste Exil-Verlag für deutsche Literatur war. Von Heinrich Mann bis Joseph Roth wurden die Bücher veröffentlicht, die im Reich nicht mehr erscheinen konnten, weil ihre Autoren entweder Juden oder Kommunisten oder aus guten Gründen Feinde der Nazis waren. Sein Sohn Andreas blieb bei der Mutter, der Schauspielerin Ruth Hellberg, in Berlin, wo er eine sorgenfreie Jugend verbrachte. Ruth Hellbergs damaliger Mann, der Regisseur Wolfgang Liebeneiner, war Chef der UfA, in ihrem Salon traf sich alles, was in der Reichshauptstadt verblieben war, von Heinrich George bis Gustaf Gründgens. Das entsetzlich verwickelte Liebesleben der Mutter war Stadtgespräch, man tat also alles, um es so weit wie möglich unter dem Teppich zu halten; Andreas hat erst nach dem Krieg erfahren, dass er einen „jüdischen“ Vater hatte.

Nach dem Krieg machte Andreas eine Verlagslehre bei Suhrkamp, ging dann zu Fischer, wo er beim Aufbau des Fischer-Taschenbuch mitarbeitete, und landete schließlich bei seinem Vater in New York, der dort inzwischen Verlagsleiter des damals bedeutendsten Verlags für Kunst, Harry N. Abrams Publishers, geworden war. Das war in den frühen sechziger Jahren, als in vielen angelsächsischen Verlagen deutsche oder österreichische  Emigranten arbeiteten, so etwa bei Phaidon (dem Verlag von Ernst Gombrichs „Geschichte der Kunst“) oder dem berühmten Verlag Thames & Hudson in London, der der Familie Neurath aus Wien gehörte. Andreas wurde European Publisher, d.h. er war zuständig für internationale Co-Produktionen von teuren Kunstbüchern, die damals noch von Privatverlagen produziert und finanziert wurden und nicht wie heute von den öffentlich finanzierten Museen und Kunstvereinen, die den fertigen und bezahlten Katalog dann in einem Verlag erscheinen lassen. Hauptpartner von Andreas (bei Abrams) war der deutsche DuMont Verlag für Kunst, dessen Leiter, Ernst Brücher bald einer seiner besten Freunde wurde. Ernst – ebenfalls ein sog. Halbjude – war mit einer Tochter aus dem Medienhaus DuMont in Köln verheiratet und verbrachte seine freie Zeit in dem Dorf Ambach am Starnberger See, wo sie das ehemalige Ferienhaus des Münchner Malers Lenbach bewohnten. Dort lernte ich vor fünfzig Jahren Andreas kennen, der weiterhin in Amsterdam lebte und eine kleine Agentur betrieb, aber sich häufig in München und am See aufhielt.

Andreas, der die personifizierte Zurückhaltung war, wusste und kannte alles, was mit Literatur und Kunst zu tun hatte, er war ein lebendes Lexikon. Durch sein Leben in Berlin, Frankfurt, New York, London und Amsterdam hatte er eine weltmännische Selbstverständlichkeit, die bestechend war – dabei war er völlig uneitel und ohne jede Allüren. Wenn man ihn in seinem Haus in Amsterdam besuchte, das vollgestopft mit Materialien und Erinnerungen war, kam man vom Hundertsten ins Tausendste, und später am Abend ging man mit Cees Nooteboom oder anderen Verlagsfreunden einen trinken. Einmal hatte er eine Freundin dabei, die er vergessen hatte vorzustellen. Es war eine Tochter des ungarischen Emigranten George Tabori mit der Schauspielerin Vivica Lindfors (die wir aus einem Hitchcock-Film kennen).Andreas war immer für eine Überraschung gut. Er war eine dieser europäischen Personen, die dafür sorgten, dass das durch die Nazis kompromittierte Verlagswesen in Deutschland wieder berühmt wurde. Trotzdem glaube ich nicht, dass ihn viele kannten: seine sprichwörtliche Schüchternheit hat das verhindert. Aber wer ihn kennenlernte, hat einen wunderbaren Menschen getroffen.