Eine Initiative von Arbeit an Europa e.V.
Unterstützt vom Ukrainischen Institut in Deutschland
Unter Schirmherrschaft von Karl Schlögel, Träger des Friedenspreises des dt. Buchhandels
“Wie der Stiefel eines Eindringlings, eines Fremden beschädigt der Krieg den Ameisenhaufen des Sprechens”, sagte Serhij Zhadan schon 2022 bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.
Welche Worte gibt es für den Krieg und welche für den Frieden? In welchem Verhältnis stehen der Gedanke von Freiheit und die Idee von Europa heute? Wie kann Zukunft gedacht, statt nur Gegenwart verhandelt werden? Und auf welche Weise wirkt die Vorstellung des Ostens auf die von Europa, Freiheit und Zukunft? Im Angesicht der sich in 2027 zum fünften mal jährenden russischen Vollinvasion, im Angesicht eines wütenden Krieges ist das die entscheidende Frage nicht nur für die Ukrainerinnen und Ukrainer sondern auch für diejenigen im vermeintlich geschützten deutschen Hinterland, wo der Krieg (noch) keine Leben, aber schon jetzt immer mehr Zukunft, immer mehr Europa und immer mehr Freiheit kostet.
Geografisch wird Europa von drei Meeren begrenzt: Nordsee, Atlantik und Mittelmeer. Doch Europa ist keine Insel. “Nach Osten lässt sich keine Grenze ziehen”, sagt der bosnisch-herzegowinische und kroatische Schriftsteller Miljenko Jergović bei der Rede zum Preis der europäischen Verständigung auf der Leipziger Buchmesse 2026. “Richtung Osten ist Europa wie eine offene Erzählung, (…) wie ein aufgeschlitzter Bauch, der sich nicht mehr zusammenflicken lässt.” Diese offene Wunde ist keine Metapher, ihr geographischer Verlauf ist die Frontlinie im Donbass, ihre Realität ist der Krieg.
“Wer sich im Raum des Krieges befindet, macht keine Zukunftspläne, denkt nicht weiter darüber nach, wie die Welt morgen aussehen wird”, sagt der ukrainische Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan 2022. Und sein weißrussischer Schriftstellerkollege Alhierd Bacharevič antwortet an anderer Stelle: “Nichts fürchten Tyrannen so sehr wie die Zukunft. Zukunft ist absolute Freiheit. (…) Wahre Literatur versucht, die Realität in drei Dimensionen zugleich zu sehen. Sie spricht gleichzeitig mit denjenigen, die waren, mit denjenigen, die da sind, und mit denjenigen, die noch kommen.”
Die Angst vor der Bedrohung aus dem Osten ist so alt wie die Idee von Europa. In der frühen Neuzeit war es die Pest, die aus dem Osten kam. Giovanni Boccaccio beginnt genau damit sein “Decamerone”, das als eines der ersten großen europäischen Prosawerke gilt. Er entwickelt darin auch eine Strategie, wie mit der Krise, der Verheerung der Werte umzugehen ist: mit der Bildung einer Kontaktgruppe, der Versicherung von Gemeinschaft. Bei ihm zieht sich eine Gruppe von zehn inspirierten Individuen an einen geschützten Ort zurück, um einander zu begegnen: zu essen, zu trinken, zu spielen, zu tanzen und zu erzählen. Hier entwickeln sie ein neues Verständnis füreinander und von der Welt, eine neue Idee von Gemeinschaft. Serhij Zhadan hat das ganz ähnlich formuliert: “Jeder einzelnen Ameise kommt die Aufgabe zu, die Kongruenz des kollektiven Sprechens, des Gesamtklangs, der Kommunikation und Verständigung wiederherzustellen. Wer ist in diesem Fall der Schriftsteller? Auch eine Ameise, verstummt wie alle anderen.”
Der Verein Arbeit an Europa e.V., der sich unmittelbar nach der Brexit-Entscheidung gegründet und zur Aufgabe gemacht hat, die Stimmen Europas in der Peripherie zu sammeln und in die ostdeutsche Provinz zu tragen, will ein Reenactment der Decameron-Anordung unter zeitgeschichtlichen Vorzeichen initiieren.
Im Jahr 2027 sollen sich fünf deutsche und fünf ukrainische Schriftstellerinnen und Schriftsteller 72 Stunden lang in der Ukraine treffen, um an einem abgelegenen Ort nach Sprachen und Szenarien für Europas Zukunft zu suchen und diese dann auf Veranstaltungen in beiden Ländern zu präsentieren. Jeder Teilnehmende soll dabei eine literarische Textform versuchen, die zu einer zehnteiligen, gattungsoffenen Novellensammlung zusammengefasst werden soll. Neben einer digitalen, zweisprachigen Publikation könnte ein Libretto für szenische Lesungen entstehen, die an verschiedenen, insbesondere ostdeutschen Theatern aufzuführen wären. Das Ukrainische Institut wird die Organisation vor Ort in Kyjiw unterstützen.
Im Oktober 1989 sprach Petra Kelly, die Mitgründerin der Grünen, als erste Westdeutsche Politikerin zu den Bürgerrechtlern der DDR in der Ost-Berliner Marienkirche und beschreibt eine Haltung, die auch angemessen scheint für die Begegnung mit den Ukrainerinnen und Ukrainern, die für ihre Freiheit wiederholt das Regime gestürzt haben und nun einen Verteidigungskrieg führen müssen. Ich stehe “mit großer Hochachtung hier vor euch, ich glaube nicht, dass wir das in Westeuropa, der Bundesrepublik schaffen würden, was ihr geschafft habt – ihr seid ein Stück voraus. (…) Ich hoffe, dass dies auch eines Tages für uns, die wir oft zu feige, oft zu müde, oft ohne Zivilcourage sind, ein Beispiel werden kann.”
Wir brauchen eine literarische Kontaktgruppe zwischen Front und Hinterland.
Wir brauchen eine literarische Kontaktgruppe zwischen Gegenwart und Zukunft.
Wir brauchen eine literarische Kontaktgruppe zwischen Ost und West.
Initiatoren: Tom Jonas Müller und Simon Strauß
Schirmherr: Karl Schlögel