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Predigt zum Europa.Tag (Jeremia 1, 4-10, 2. August 2026)

Liebe Europafestgemeinde,

„was hörst du?“ Mein Sohn konnte gerade erst sprechen, da hat er mich das Abend für Abend gefragt. Kurz vor dem Einschlafen hörte er ganz viel und fragte mich danach. Manches waren die Geräusche von draußen, Passanten, die wir hörten. Und doch habe ich mich jedes Mal gefragt: sind das Stimmen, die er hört, Stimmen des Tages, die ihm jetzt durch den Kopf gehen?

Im Leben gibt es viele Stimmen. Und es ist eine Lebensaufgabe sich zu fragen: auf welche Stimmen höre ich? Welche werden laut, welche lasse ich auch laut werden in meinem Kopf? Wem gebe ich meine Stimme?

Derzeit fragt mich mein Sohn weiterhin abends aus. Er fragt mich Dinge wie: welche Haarfarbe hat Gott? Was denkt Gott über Krieg? Er macht das auch, weil er weiß, dass er mich so zum Reden bringt und weil es ihn beruhigt, wenn ich rede und rede und rede, damit er ja nicht allein einschlafen muss. Die vertraute Stimme auf Play.

Papst Benedikt hat sich mit seiner Stimme vielfach zu Wort gemeldet. Er hat viele Dinge gesagt, die ich schwierig finde, als Evangelischer erst recht. Aber er hat auch einen Satz gesagt, für den sollte man ihn meiner Meinung nach seligsprechen: „Wer glaubt, ist nie allein.“ Wenn ich das Gefühl habe Gottes Stimme zu hören, dann kann ich gar nicht allein sein. Aber auch, wenn der Zweifel sich regt, dann kann ich als Christ nach rechts und nach links schauen, auf die, denen es gerade leichter fällt. Ich brauche die anderen, die glauben, wenn ich zweifle. Wie wir alle diejenigen brauchen, die wachen, wenn wir schlafen. Aber was, wenn die Stimme des Zweifels lauter wird? Wenn ich nichts anderes mehr höre?

Jeremia hört den Zweifel. Er kommt aus der Peripherie und nun ist er derjenige, mit dem Gott richtig etwas vor hat. Und Jeremia fragt sich: ich? Ich soll der Prophet sein, der unter die Völker geht? Gestern habe ich mit dir, lieber Rabbi Nethanel, über Jeremia gesprochen, warum er für Christinnen und Christen oft schwer greifbar ist, im jüdischen Glauben aber eine so große Rolle spielt. Ich habe da gelernt, dass Jeremia ein Prophet für die schweren Tage ist. Nicht an jedem Tag sollte man Tora lernen, das ist zu hell, zu leicht. Aber Jeremia geht immer. Weil so ernst ist, was er erlebt, weil es den Glauben vertieft.

Jeremias Name heißt: Gott ist erhaben. Und wenn Jeremia sich so vorstellt, dann schwingt da mit: Ja, Gott ist erhaben. Ich aber, ich bin erbärmlich. Deswegen sagt er: ich bin zu klein, zu unbedeutend, ich will den Mund lieber nicht aufmachen. Wer von Ihnen und Euch kennt nicht Tage, an denen man sich genau so fühlt?

Mir reichen manchmal Minuten und ich denke: es hat doch eh keinen Zweck. Das Stimmgewirr macht mich fertig. Eine der Folgen der Digitalität ist ja, dass ich die Stimmen permanent vernehme. Immer eine Stimme, die etwas sagt, die meine Seele flutet mit Negativität. Waldbrände in Frankreich und Spanien, kein Ende in der Ukraine, neue Eskalation im Iran. Mit Paul Gerhardt murmel ich manchmal vor mich hin: mach End, oh Herr, mach Ende mit aller unser Not. Ich höre auch von Menschen in Gottesdiensten: eigentlich gehe ich da hin, weil dann eine Stunde lang das Smartphone still ist.

Und dann kommen ja noch die innersten Stimmen dazu. Wenn ich wache, vergeht eigentlich keine Stunde, in der ich mich frage: kann ich zu dem stehen, was ich sage, schreibe, mache? Bin ich ein guter Vater, komme ich noch dazu, ein okayer Ehemann zu sein? Ein Freund und Bruder, der wenigstens noch zum Geburtstag anruft und Zeit für ein Telefonat hat, in dem für eine Stunde alles wie früher ist?

Ich fühle mich oft zu jung für mein Leben, ich denke, die anderen, die kriegen es besser hin. Selbst wenn wir reden und ich höre, dass auch die anderen sich immerzu fragen, was ich mich frage.

Gott hört Jeremia, wie ich auch fest glaube, dass er mich und dich hört, wenn wir so zaudern und zweifeln. Und wenn ich seine Antwort an Jeremia höre, dann gefällt mir erst einmal, dass Gott keine Motivationsreden schwingt. Kein: „Du bist doch viel besser, als du denkst“, kein: „Das wird schon, glaub an dich.“ Weil das zu billig wäre, denn die Stimme ist doch nun mal da, dass es grad zu viel ist, dass nichts geht. Und deswegen spricht Gott: „Sage nicht: ich bin zu jung.“

Erhebe deine Stimme nicht gegen dich, mach den Zweifel nicht größer, hör auf, um dich zu kreisen, hör auf, die Stimme deiner Unsicherheit entscheiden zu lassen, wer du bist. Hör genauer hin, auf die Stimme, die dich stärkt und dann wirst du merken: es ist diese Stimme, die dich zurück bringt zu dir, auch zurück in die Gemeinschaft. Denn meine Stimme ist stärker. Weil ich dich sehe und weil ich weiß, dass du viel mehr bist, als du ahnst. Und wenn du auf mich hörst, dann wirst du es erleben.

Jeremia gibt viel zu denken und auch zu glauben. Er ist so etwas wie ein Prophet der Demut.  Denn Gott zeigt ihm auch: Demut heißt gerade nicht, sich kleinzumachen oder sich schlechtzureden. Demut kann auch nie heißen, sich damit großzureden, das scheint mir eher in der Gegenwart das Thema zu sein. Auf Managementseminaren ist Demut ein Verkaufsschlager, auch unter Pfarrerinnen und Pfarrern bin ich manchmal überrascht, wie selbstverständlich meine Kollegen die Demut pachten. „Da habe ich wirklich Demut gelernt“, „ich bin sehr demütig“, das sind so Sätze, bei denen ich mich oft frage: seid ihr euch sicher? Kann das Demut sein, wenn man sie so einfach haben kan? Aber ich spreche das selten offen aus, ich bin doch so jung.

Demut heißt aber auch nicht, wenig von sich zu halten. Eher: wenig an sich zu denken. Nicht zu kreisen um die eigene Stimme des Zweifels, sondern hinzuhören, zu versuchen, Gottes Stimme größer werden zu lassen. Und damit auch die eigene Perspektive nie für die ganze Wahrheit zu halten, sondern offen zu bleiben, für all die Geheimnisse, all die Weggabelungen, die noch kommen werden und durch die mich Gott führen wird.

Und ich glaube auch, die Stimme, die zu Jeremia spricht, spricht in ganz ähnlicher Weise zu Maria, sechshundert Jahre später. Sie ist jung, zu jung würden die meisten sagen, zu einfach, zu arm, zu unbedeutend in diesem Nazareth in der Peripherie. Aber Maria ist diejenige, die Gott erwählt, zu der er spricht, sodass sie die Stimme deutlich hört, ihre eigene Stimme findet und bildet und melodiös anfängt zu singen. Maria singt: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“

Das ist die Mitte des Glaubens: dass die Niedrigen gesehen werden, dass sie aber zum Glauben finden und so die Kraft gewinnen, um sich zu erheben. Vor etwa zehn Jahren war ich in Rom zum Studium, als Deutscher wusste ich nicht, dass man spätestens Ende Juli woanders sein sollte und so war ich geblieben in der Stadt, gemeinsam mit amerikanischen Touristen und all denjenigen Italienern, die sich keine Reise leisten konnten. Zuhause war es zu heiß, draußen war es zu heiß und auf der Suche nach ein bisschen Frische ging ich oft in die Kirchen. Es war kühl und meistens still. Einmal hörte ich aus einer Seitenkapelle eine Stimme, die mich neugierig machte, ich ging hin und sah dort einen Mann sitzen, ungefähr mein Alter, er betete: Santa Maria, Madre di Dio, prega per noi peccatori, adesso e nell’ora della nostra morte. Auf Deutsch: Heilige Maria, Muttergottes, bete für uns Erbärmliche, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Es war mir fremd, ich bin ja evangelisch, aber ich war fasziniert von dieser Stimme, dieser Melodie, die ich immer mal aufrufe in meinem Herzen. Denn ich will diese Erinnerung halten, ich will diese Melodie wieder und wieder hören, denn das ist eine Stimme, die soll laut erklingen, weil da aus der Hitze das Heilige emporstieg.

Wer weiß, vielleicht gilt deswegen Maria auch als die Schutzpatronin Europas. So sagt es die katholische Kirche und an diesem Punkt will ich nicht widersprechen. Es hat auch Europa geprägt. Die Europaflagge ist blauer Grund mit zwölf goldenen Sternen. Noch in den 80er Jahren betonte die europäische Kommission: das ist halt der Himmel, der ist vollkommen und weit, danach streben wir in Europa. Mit Religion hat das nichts zu tun. Wirklich nicht! Nun sagt aber der Künstler, der die Flagge erfunden haben will: es ist Maria auf der Flagge, wie es ja auch Maria ist, die auf allen Bildern blau trägt, wie es ja auch Maria ist, die den Kranz mit den zwölf Sternen trägt, weil es zwölf Stämme Israels waren, weil es zwölf Jünger waren.

Ich finde diesen Streit um die Flagge passend. Weil Maria sich nicht aufdrängt. Weil der Glaube sich nicht aufdrängt, wenn in der Niedrigkeit seine Kraft liegt.  Manche können das sehen. Manche nicht.

Ich jedenfalls schaue an diesem Sommertag gerne in den Himmel. Ich sehe das Blau. Vielleicht ein paar Wolken. Erst einmal nicht mehr. Ein schöner Himmel. Aber wenn ich da stehe und sehe, dann höre ich nach einer Weile doch diese Stimme, die mir sagt: ich sehe dich. Und ich behüte dich. Wohin du auch gehst.

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