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Essay

Schweden zu Zeiten von Corona

Die Schweden wollen es wissen, könnte man in Bezug auf den saloppen Umgang des skandinavischen Landes mit der Coronakrise titeln und abwarten, was geschieht.

Die Schweden wollen es wissen, könnte man in Bezug auf den saloppen Umgang des skandinavischen Landes mit der Coronakrise titeln und abwarten, was geschieht. Tatsächlich handelt es sich hier jedoch nicht um ein Experiment oder einen Wettkampf, in dem es darum geht, dass der schwedische Staat dem Rest der Welt beweist, dass er mit seiner Strategie richtig liegt, sondern um eine todernste Situation. Statt aus der Entfernung mitzufiebern, in sicherer Quarantäne, fällt es schwer dem „russischen Roulette“, wie es der britische Guardian zuletzt nannte, zu folgen. 

Aus diesem Grund mehrt sich wohl die internationale Kritik an dem Kurs des staatlichen Epidemiologen Anders Tegnell (ihm untersteht die Behörde für Volksgesundheit, Folkhälsomyndigheten), welcher nach wie vor bestreitet, dass er in erster Linie eine Herdenimmunität verfolgt. Im Fokus stehen vor allem die weiterhin geöffneten Skigebiete des Landes, allen voran Åre und Sälen, in denen bis zu 499 Urlauber – zu diesem Zeitpunkt waren Versammlungen von unter 500 Personen noch zugelassen – noch am letzten Wochenende auf Aprés-Ski-Partys Polonaise tanzen durften. 

Doch die Kritik aus dem Ausland, wie auch aus dem Inland, scheint in Schweden weniger Fragen aufzuwerfen, als das Bedürfnis zu steigern den Kurs der Regierung zu rechtfertigen. So ist beispielsweise in Bezug auf die Partygäste in Åre in Dagens Nyheter ein Artikel zu lesen, der den zelebrierten Hedonismus gerne als kulturelles Phänomen, den Tanz als Todesverachtung, verstanden haben will. 

Im Svenska Dagbladet titelt man unterdessen irreführend „In Deutschland huldigt man Schwedens Strategie“ („Strategin hyllas i Tyskland; Hittills är Sverige förebild“). Man zitiert zwar durchaus einige in Deutschland erschienene Artikel der letzten Tage, die von der schwedischen Ignoranz und Entspanntheit sprechen, versucht jedoch die Kritik mit zwei Expertenstimmen zu konterkarieren. Der Verweis auf die Professoren Stefan Wilich (Charité Berlin) und Gèrard Kraus (Helmholtz Center for Infection Research), welche durchaus auch anmerken, dass die Bevölkerung, die eine solche Strategie verfolgt, mit der Tatsache leben muss, dass (viele) Menschen an der Infektion sterben werden, scheint das Ziel zu verfolgen, die schwedischen Bevölkerung gegen ausländische Kritik weitestgehend immun zu machen. Man darf zumindest davon ausgehen, dass Artikel dieser Art, denjenigen der Zweifler, die sich in dieser Woche auch in den schwedischen Medien mehrten, mindestens die Waage halten und dazu beitragen, dass ein Großteil der schwedischen Bevölkerung sich weiterhin in Sicherheit wiegt. Eine Umfrage vom Beginn dieser Woche ergab, dass über die Hälfte der Bevölkerung Tegnell in der Coronakrise vertraut. Die regierenden Sozialdemokraten legen bei Umfragen zu, während die Schwedendemokraten an Punkten verlieren. 

Kritik scheint also weitestgehend abzuprallen. Auch die Forderung nach mehr Transparenz der Folkhälsomyndihet in Bezug auf das Coronavirus in Schweden, wie vor zwei Tagen von dreizehn Wissenschaftlern unter der Leitung von Joachim Rocklöv in einem Debattartikel in Dagens Nyheter laut wurde, ist vorerst unbeantwortet geblieben. 

Noch ist es zu früh, das Verhalten der Schweden in dieser Pandemie zu erklären. Bereits jetzt ist jedoch aus soziologischer Perspektive interessant, dass es sich bei Schweden, ebenso wie bei den Niederlanden, England und den USA – alles Staaten, welche vergleichsweise spät Maßnahmen zur Eindämmung des Virus getroffen haben und in denen sich dies bereits zu rächen scheint – um diejenigen Länder handelt, in welchen eine protestantische Ethik im Sinne Webers ihre Wurzeln am tiefsten geschlagen hat. Dies könnte zumindest einer der Gründe sein, wieso der mit dem Kapitalismus einhergehende Utilitarismus, von diesem ausgehend wirtschaftliche Interessen gegen Menschenleben ins Feld geführt werden, in diesen Ländern aktuell ein anderes ethisches Gesicht zeigt, als in den katholisch geprägten Ländern, in denen christliche Werte auch heute noch einen Gegenpol bilden.

 
 

Anne Schumacher ist Doktorandin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Göteborg. Zurzeit lebt sie in Frankreich und blickt von dort aus kritisch auf den schwedischen Sonderweg in der Coronakrise.