Es scheint, als kenne die Heimat dich

von Robert Eberhardt.

Bericht über das konstituierende Treffen der Gruppe „Arbeit an Europa“ zum Begriff „Heimat“ in Breitungen/Werra (Thüringen). 

Was ist Heimat? Eine „Besänftigungslandschaft“, meint der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger, in der Spannungen der Moderne, räumliche und metaphysische Ortlosigkeit sowie Fragezeichen der Zeit mittels Vertrautheit und Übersichtlichkeit harmonisiert werden, wo man sich zu Hause fühlt, wo aus emotionalen Bindungen Verantwortung entsteht. „Heimat“ taucht in letzter Zeit allenthalben in den Medien auf. Kein Magazin und keine Zeitung, die nicht mit diesem urtümlichen und immer ein wenig holzstuben-muffig daherkommenden Schlagwort aufmachte und an „modernen“ Lebensläufen gespiegelt die Bedeutung – und natürlich „Aktualität“ – des Wortes aufspüren wollte.

In einer exemplarisch ländlichen Region (wo immer noch die Mehrheit der Europäer lebt) in der Mitte Deutschlands, im thüringischen Breitungen an der Werra, traf sich zur konstituierenden Sitzung die Gruppe „Arbeit an Europa“. Sie ist ein Zusammenschluss von jungen Publizisten und Wissenschaftlern, die sich zum Ziel setzen „Begriffsarbeit“ in klassischem Sinne zu üben, ein europäisches Vokabular durchzubuchstabieren, den alten Worten neuen Sinn zu geben und „Europa“ mit Hilfe dieser Wort-Werkzeuge vor allem als ideengeschichtliche Komposition und weniger als politische Verwaltungseinheit in den Blick zu nehmen, Europa als historisch gewachsenes und semantisch gestaltetes Konstrukt einer lebensweltlichen Ordnung anzuerkennen, die allen Beteiligten zweifellos ein Heranwachsen in Freiheit und Wohlstand ermöglichte. Und das nun Zweifel aufkommen lässt: Wie lange noch?

Tagungsort war ein charmant ruinöses Renaissanceschloss, das seinen letzten adligen Bewohner schon vor 300 Jahren ausziehen sah und das, auf den Mauern eines mittelalterlichen Benediktinerklosters gebaut, den architektonischen Resonanzboden eines hier konservierten Alt-Europas bot, dem es als Teil eines stark vernetzten und gar nicht nationalen monastischen Systems seine Entstehung verdankt. Vom Turm der im Jahr 1112 geweihten romanischen Basilika schaut man zur Rhön und dem „Grünen Band“ – das vielleicht anrührendste Europa-Denkmal, ein 1400 Kilometer langer Streifen durch Deutschland, durchweg mit dem Rad zu befahren, am Rand seltene Orchideen und Schmetterlingswiesen, wo noch bis 1989 Stacheldraht, Hunde, Grenzpolizei und zeitweise Selbstschussanlagen der „Freiheit“ eine unüberwindbare Grenze setzten. Eine wiedererrungene Freiheit, die jeden für Europa einnehmen, ja begeistern müsste, auch 27 Jahre danach. Doch das Vertrauen in die politische Verfasstheit des Kontinents schwindet, die Nationalismen stärken sich in ungeahnter Weise und rhetorische Kampfbegriffe werden links wie rechts aus der Mottenkiste alter Diskurse wieder hervorgeholt. Ergreifend und sinnlich von Europa zu sprechen, steht dabei nicht auf der Agenda. Aber genau daran, an einer neuen Ausdrucksform, möchte die Gruppe arbeiten.

„Arbeit an Europa“ bedeutet bei diesem Zusammenschluss junger Menschen also nicht das Verfassen einer politischen Agenda, keine Gesinnungswahl und keine Fundamentalkritik, sondern ein beständiges Fragen und Schürfen im europäischen Urgrund. Assoziativ orientiert an Hans Blumenbergs „Arbeit am Mythos“ soll alle drei Monate von einem zentralen Begriff ausgehend an einem symbolischen Ort im Austausch mit jungen Menschen der Region auf historische Spurensuche gegangen werden.

In der ersten Sitzung wurde also der Begriff „Heimat“ behandelt, gedreht und gewendet, bis er blank gerieben war und vielleicht sogar blitzte. Eine Entsprechung für „Heimat“ in anderen Sprachen existiert nicht wirklich (home, patrie, patria, ojczyzna). Was mag wohl das spezifisch „Deutsche“ daran sein? Sind es also doch die romantisierenden Waldgänger, die wilden Barbaren, die im Unterschied zu den Kulturen der Seefahrt, der antikisch-vernetzten Mittelmeeranrainer, ihre enge Welt im heimatlichen Wiesengrund sahen, ein deutsches Verhängnis oder eine nordische Tugend, zusammengeschmolzen im Wort „Heimat“? 1950 arbeitete Carl Schmitt die europa-zentrische Ordnung in „Der Nomos der Erde“ als Produkt einer landbasierten Ordnungsstruktur heraus – emotionales Heimatfühlen und Staatsverständnis bedingen sich ohne Frage.

Seit dem 11. Jahrhundert bezeichnet Heimat die eigene Schlafstelle und zeigt immer auch Besitzverhältnisse an, informierte Simon Strauß in einem begriffsklärenden Referat zu Anfang. Dies begründet auch seine rechtlichen Implikationen im 19. Jahrhundert, als mit Heimat eine Form von Hof- und Hausrecht gemeint ist, das Dazugehören zu einem dörflichen oder städtischen Kontext.

Mit steigender Mobilität, dem Verfall der alten agrarischen Ordnung und angesichts der Erfahrung der brechenden Welten seit der Französischen Revolution lädt sich das Wort bereits in der sogenannten „Sattelzeit“ um 1800 (Reinhard Koselleck) dynamisch auf und kompensiert geradezu als Überdruckbehältnis alle im Sinne des Fortschritts aufgelösten Kategorien in einer unverfänglichen Art: Abstammung, Familienbindung, bäuerliches und stationäres Leben, Mythos.

Der Nationalstaatsgedanke des 19. Jahrhunderts färbt den ursprünglich eher lokalen und landsmannschaftlichen Begriff stark politisch ein. Eine Heimat zu haben heißt nun Patriot zu sein, ein vollständiger Staatsbürger im Gegensatz zu „heimatlosen Gesellen“. Durch Flucht und Vertreibung im letzten Jahrhundert verstärkt sich „Heimat“ zur eskapistischen Utopie, die später sogar verfassungsrechtliche Relevanz erhält: In Artikel 3 Abs. 3 des Grundgesetztes (also aus dem mit der sogenannten Ewigkeitsklausel gesichertem Grundrechtskatalog) heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Heimat als Grundrecht, als definierende Setzung!

Die faschistische Überideologie von „Blut und Boden“, die rassisch gedachte Reinheit von Naturräumen und einer deutschen Volksgemeinschaft schwingt als böses Stiefkind des Begriffes immer mit und bedarf der strengen begriffstheoretischen und moralischen Isolation und Abgrenzung. Eine gewisse Skepsis begleitet den Begriff daher seit 1945 (trotz der „Heimatfilme“ der 1950er Jahren mit ihrem gesellschaftstherapeutischen Impetus). Nur in der volkstümlichen „Heidi-Welt“ lebte der Begriff unbedarft fort, bei folkloristischen Festen, auf Busfahrten in die romantische Welt der Alpen, in Schlager und Volksmusik.

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Aus diesem popkulturellen Kitsch wird er durch die aktuellen gesellschaftlichen Spannungen in überraschender Intensität zurück ins Hochpolitische gezogen. Man frage einen Dresdner, ob das Kunstwerk der aufrecht stehenden Buswracks vor der Frauenkirche zur sächsischen Heimat gehöre… Die häufige Thematisierung in Presse und Medien kann dabei durchaus als Ersatzdiskussion für die eigentlich mitschwingende Frage „Was ist deutsch?“ gedeutet werden. Gerade angesichts millionenhafter Fluchtbewegung und täglich geschehener Mikromigration aufgrund von flexiblen und multilokalen Arbeitsbiografien ist das Theorem der „Heimatlosigkeit“ aktuell als Faktum und Phänomen ebenso virulent wie „Heimat“ an sich.

Die Wissenschaft hat den Begriff schon seit geraumer Zeit abgesteckt und rational verfügbar gemacht, wie eines der Impulsreferate (Jan Starmans) darlegte: Die erste umfassende Heimat-Theorie brachte vor rund 10 Jahren Peter Blickle, der die Spannungen zwischen Konkretem und Abstraktem, Subjekt und Objekt, Heimat-Region und Nationalstaat, Konkret-Eigenem und Abstrakt-Universellem untersuchte. Nicht zuletzt bietet er „Heimat“ als Kulturpraxis an: ein eng mit der Natur verbundener Heimat-Begriff als Heilungsmethode für die schon von Max Weber konstatierte „Entzauberung der Welt“, als Möglichkeit der Selbstreflexion, der Sinnstiftung (selbst wenn das Ergebnis nur ein rural designter „Living-Style“ samt „Landlust“-Lektüre ist), ein Mittel zum Umgang mit der postfaktischen Postmoderne, die sich durch ihre Post-Präfixierungen allen Vorstufen der Menschheit weit überlegen und davon diskursiv emanzipiert sieht.

Ein weiteres Referat spürte den anthropologischen Implikationen von „Heimat“ auf: das Heimat-Empfinden des Menschen nicht kulturell, sondern als biologisch-psychologisches Phänomen gedeutet. Barbara von Gayling-Westphal stellte die Bindung des Menschen an den Naturraum als evolutionsgeschichtliche Tatsache dar. Die „Homerange“ der frühen Menschen erweiterte sich mit dem Auszug aus Afrika je Generation um fünf Kilometer. Den bedeutendsten Bruch stellt schließlich der Wandel von der nomadischen zur sesshaften Kultur vor 15.000 Jahren dar. Heute, in Zeiten des Internets, können naturräumliche Grenzen wie nie zuvor überschritten werden – doch ändert dies Emotionen oder Realpolitik?

Vorgestellt wurden auch verschiedene rechtspolitische Definitionen, u.a. die Schrift von Udo di Fabio „Zukunft Heimat“ und davon ausgehende Fragen:

Kann man überhaupt zwei oder drei Heimaten haben, und diese auch staatsrechtlich anerkennen? Und kann ein Mensch sich heimatlos erklären – und damit glücklich sein? Könnte ein europäisches Heimatgefühl neben allen lokalkolorierten Emotionen etabliert werden? Vielleicht als eine pluralistische, aber eben doch nach außen abgegrenzte westliche Zivilisation auf den Fundamenten antiker Philosophie, Christentum und Aufklärung? Oder sind Europa und „seine“ Nationalbürger zu disparat, um zu homogeneren Gesellschaften in der Nachbarschaft ein Gegengewicht zu bilden? Wie könnte ein „Europa der Regionen“ im Sinne von Robert Menasse, der den „Habsburgischen Mythos“ von Claudio Magris zu einem „Europäischen Mythos“ weiterentwickelte, funktionieren? Ist die Auflösung der Nationalstaaten denkbar? Kann das einst funktionierende Vielvölkerstaatsmodell oder gar ein weit zurückgreifender europäischer Reichsgedanke anschlussfähig sein? Und woran zeigt sich überhaupt die politische Schönheit Europas?

Möchte man Europa weiterdenken, kommt man am Heimat-Verständnis seiner Bewohner nicht vorbei. Positionen der linken und konservativen Publizistik zum Thema wurden während der dreitägigen Sitzung der Gruppe „Arbeit an Europa“ vorgestellt. Von Ernst Bloch, Eva Illouz, Daniel Cohn-Bendit und Hannah Arendt im linken Spektrum (Nora Bossong), bis zu Gert-Klaus Kaltenbrunner und neurechten Deutungsansprüchen im konservativen und rechten Spektrum (Robert Eberhardt).

Ein abschließender Blick auf die „Medialität von Heimat“ (Mladen Gladic) öffnete schlaglichtartig weitere Perspektiven: die Melancholie des rechten Heimatverständnisses, das fetischistische Festhalten an Heimaten als Synonym zur Trauerarbeit im Freudianischen Sinne, das Schlagwort von den „Imagined Communities“, Soundmarks und Landmarks als Wahrzeichen, die Heimat konstituieren, die Erzählstrategien von Heimat in unseren Tagen und die große Frage, wie man ein europäisches Heimatgefühl kommunizieren könnte, etwa in Tradition von Hans-Magnus Enzensbergers publizistischen Athenäum-Projekt? Welche Medien könnten die alte Saga mit neuen Narrativen erzählen? Vielleicht eine europäische Manifestation in jedem Ort, ein Europa-Denkmal auf jedem Dorfanger? Ein Interrail-Ticket für die Jugend? Mehr gut gelaunte „Pulse of Europe“-Demos der Oberschicht? Kann man den europäischen Zusammenhalt in Carl Schmitt’scher Manier nur auf dem Freund-Feind-Antagonismus aufbauen (Erdogan, politischer Islamismus, Trump, Brexit-Großbritannien) oder eine andere, einladende Erzählung, gar Vision entwickeln? Fragen, die gestellt und andiskutiert wurden bei diesem ersten Treffen der Gruppe „Arbeit an Europa“

Der Begriff „Heimat“ bezieht jedenfalls seine Anziehungskraft gerade dadurch, dass er eine unausdeutbare Vielseitigkeit aufweist, die durch Zuschreibungen stark angereichert wurde. Teilweise ist der Begriff sogar der weltlichen Sphäre entzogen und verweist auf ein eigentliches Zuhause, im Himmel, wie es Paul Gerhardt dichtete: „Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland. … Mein Heimat ist dort droben“

Das Duzend Jung-Europäer, das sich in der europäischen Provinz traf, um an Europa zu arbeiten, weiß um die Schwierigkeit eines Ideengebildes, das allen gleichzeitig eine Heimat bieten soll. Aber wer nicht einmal fragt, der wagt von vornherein nichts. Unsere Heimat – was ist das also nun? Eine eigentümliche Bindung von Personen und Landschaft, ein arkanes Band, das nicht einfach zerschnitten werden kann, ein Schreiten auf gespurtem Gelände. „Es scheint, als kenne die Heimat dich“, schrieb Max Frisch 1970.