Zum Begriff „Heimat“

von Simon Strauß.

Stichpunkte zum Begriff „Heimat“

  • Begriff hat schon sehr früh verschiedene Bedeutungen
  • Heimat ist immer Gegenbegriff zu Fremde
  • Die räumliche Erstreckung von Heimat reicht vom ganzen Land über den Landstrich und den Ort bis hin zum Haus, zur Wohnung.
  • Heimat ist früh mit dem Besitz von Haus und Hof verbunden („der älteste kriegt die Heimat“ heißt es im Schwäbischen, Kinder verlieren ihre Heimat mit Hofübernahme)
  • Heimat also auch etwas mit Besitzverhältnissen zu tun, es gibt Gesinde und Besitzlose, die haben keine Heimat
  • Recht auf Heimat ist historisch auf einzelne Gemeinde bezogen (nicht, wie dann in den Menschenrechten von 1948 auf Staat), Heimatrecht bedeutete Niederlassungsrecht und Gewerbefreiheit und Versorgungsanspruch…
  • Heimatrecht also eng verbunden mit stationärer Gesellschaft, aber als durch sozialgeschichtliche Faktoren Mobilität wuchs, wurde Freizügigkeit im 19 Jh. gesetzlich verankert-> Versorgung wenn einer sich mehr als zwei Jahre irgendwo aufgehalten hatte, HEIMAT also flexibler geworden
  • Heimat ist also nicht nur emotionaler Besitz, sondern sehr stark von sozialpolitischen Rahmenbedingungen abhängig
  • SONDERFALL Deutschland.: Industrialisierung vs. alte soziale Strukturen (bürgerliches Heimatbild wird zur eskapistischen Utopie), Heimat als Kompensationsraum und Besänftigungslandschaft
  • Gerade, weil so viel Bewegung da war, wurde Heimat statisch, vor allem mit Natur assoziiert („ Im schönsten Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus (ALT) da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus (NEU). Dich, mein stilles Tal, grüß‘ ich tausendmal! Da zog ich manche Stunde ins Tal hinaus.)
  • Politisierung des Begriffs ab dem späten 19. Jh.: um soziale Gegensätze zu befrieden; Gleichsetzung von Heimat und Vaterland, um Klassengegensätze einzuebnen;
  • Arbeiterbewegung als Heimat-> Gegenbegriff zur bürgerlichen Identifikationsangebot der schönen Landschaft; Heimat nicht als Ort, sondern als Gruppe von Menschen!
  • Darauf reagiert dann Heimatbewegung, die Stadtfeindlichkeit apostrophiert, gegen Freihandelspolitik der 1890er Jahre Aufwertung des Bäuerlichen, gegen Zentralistische politische Struktur eine dezentrale kulturelle Struktur bewahren…
  • Heimat heißt jetzt: Tradition gegen Wandel/ ständische Sozialformen/
  • Durch Nazizeit ist Begriff mit Ideologiegehalten kontaminiert: „Und ist in Deutschland das Reden über Heimat nicht sowieso anrüchig, weil unsere Geschichte die schrecklichsten Seiten der Heimatverbundenheit gezeigt hat?“
  • Nach dem Krieg: Skepsis gegen Heimatbegriffs, stattdessen: Wachstums- und Planungseuphorie
  • Faustregel: Wenn Landschaften durchindustralisiert werden, wächst Sehnsucht nach Heimat
  • Kernpunkte: Ungleichzeitigkeiten/ Gemengelage/
  • Ausgelassen: Häufig ist der Bezug zur himmlischen Heimat. „Mein Heimat ist dort droben“, heißt es in einem Lied von Paul Gerhardt aus dem Jahr 1666 – gerade über die religiöse Metapher ist dem Begriff Heimat schon früh etwas von Überhöhung zugewachsen.
  • Zusammenfassung: von Max Frisch attestierte Unübersetzbarkeit des deutschen Wortes „Heimat“ dessen zahlreiche Bedeutungsfacetten und Verwendungszusammenhänge wider.
  • Für Bausinger ist Heimat eine räumlich-soziale Einheit mittlerer Reichweite, in welcher der Mensch ein Stück Sicherheit und Verlässlichkeit seines Daseins erfährt, ein Ort tiefsten Vertrauens. „Heimat als Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist, als Rahmen, in dem sich Verhaltenserwartungen stabilisieren, in dem sinnvolles, abschätzbares Handeln möglich ist – Heimat also als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung, als Bereich der Aneignung, der aktiven Durchdringung, der Verlässlichkeit“ (Bausinger 1980: 20).
  • Bei Greverus (1979) nimmt der Identitätsbegriff eine besondere Stellung ein. Heimat ist heile Welt und nur in der Dreiheit von Gemeinschaft, Raum und Tradition zu finden, denn nur hier werden die menschlichen Bedürfnisse nach Identität, Sicherheit und aktiver Lebensgestaltung in einem kulturell gegliederten Territorium befriedigt. Auf jeden Fall stellt Heimat, oder besser: die Auseinandersetzung mit Heimat, eines neben anderen Identifikationsfeldern dar, die Ich-Identität bilden (Hasse 1985).
  • Es wird deutlich, dass zeitgenössische Heimatforscher davon ausgehen, dass der Mensch sich ein neues Lebensumfeld schaffen kann: „Unter heutigen Bedingungen kann Heimat auch nicht mehr statisch an den Ort der Geburt gebunden sein. Heimat kann auch neu gewonnen (…) werden“ (Piepmeier 1990: 106). Der Heimatbegriff schließt gewissermaßen die Möglichkeit auf Beheimatung ein – also auf Aneignung einer vertrauten Lebenswelt und Ausbildung sozialer Zugehörigkeiten (Mitzscherlich 1997a).
  • Heimatfindung kann heute gleichsam in beweglichen Modellen von Raumdefinitionen und persönlichen Zuordnungen erfolgen. Heimat als sozialer Raum eröffnet sich in lebens- und alltagsweltlichen Interaktionen im Rahmen von Bekanntschaften, Freundschaften und Nachbarschaften (Cremer und Klein 1990). So verstanden ist Heimat Lebensmöglichkeit und nicht Herkunftsnachweis. „Heimat also wird nicht länger als Kulisse verstanden, sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung“ (Bausinger 1980: 21). Heimat ist Lebensort, der Ort, an dem man zu Hause ist und sich zu Hause fühlt, „wo ich im vollen Sinne lebe als einer, der eingewöhnt ist und nicht nur eingeboren“ (Waldenfels 1990: 113). Heimat ist ein Raum, den man sich durch einen schöpferischen Prozess aktiv aneignen kann (Greverus 1979). Dabei hat Heimat immer einen räumlichen Kristallisationskern.
  • Heimat wird zu ihr erst in der Erinnerung…
  • Gibt es eigentlich einen Gegenbegriff zu „Heimat“?