Europa: keine wertneutrale Ordnung, sondern die aktive Suche nach Wert

Gedankenfetzen aus dem vierten Treffen von „Arbeit an Europa“ in Sizilien.

Von Simon Strauß.

Wir trafen uns in Sizilien, wahlweise also in der nördlichsten Region Afrikas oder dem südlichsten Zipfel Europas. Goethe schrieb 1787 auf seiner italienischen Reise den berühmten, immer wieder zitierten Satz: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“ Sizilien war immer schon ein Schmelztiegel der Kulturen, es gilt als Wiege Europas – obgleich nach dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien das geographische Zentrum Europas nun angeblich in der hessischen Stadt Gelnhausen im Stadtteil Meerholz liegt.

Catania war der Ort unseres vierten Zusammentreffens, dort, wo früher die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios weideten und der sizilianische Jugendstil weiterlebt als wäre nichts gewesen. In einer Villa am Fuße des Ätna, Europas höchstem und aktivsten Vulkans, der seit 2500 Jahren in regelmäßigem Rhythmus spuckt und seine Höhe ständig verändert (momentan sind es 3350 Meter) saßen wir zusammen und tranken und aßen und versuchten Europa neu zu ordnen. Nicht weit entfernt, im kleinen Fischerdorf Aci Trezza, hatte Luchino Visconti seinen Film „Der Leopard“ gedreht und ein bisschen so wie in dem Film fühlten auch wir uns, an langer Tafel sitzend in dieser alten, heruntergekommenen, aber mit dem ein oder anderen historistischen Accessoire künstlich am Leben gehaltenen Villa. Das Ambiente war der bestmögliche Ausgangspunkt, um in eine Stimmung zu kommen, die über das Alltägliche hinaus reicht, die Herzen und Gemüter öffnet für mehr. Denn das Leben, so sagt man, verläuft auf drei unterschiedlichen Pfaden. Der eine Pfad ist das Private, die Familie, die Freizeit. Der andere Pfad ist das Professionelle, der Beruf, die Vorsorge. Aber es gibt noch einen dritten Pfad, der viel zu wenig beschritten wird und dadurch mit der Zeit zu wuchert: Zwischen dem privaten und dem professionellen liegt der idealistische Pfad. Der nicht schnurstracks irgendwo hinführt, sondern Biegungen macht und Überraschungen zulässt. Ihn will „Arbeit an Europa“, diese am Abend des Brexit gegründete lose Vereinigung junger Intellektueller, die sich zum Ziel gesetzt hat, die „Idee der Gemeinschaft“ durch den Rückbezug auf den europäischen Geist herauszufordern und neu zu stärken, wieder begehbar machen.

Der Gruppe geht es nicht um politische Pädagogik, sondern darum, zentrale Begriffe des europäischen Bewusstseins ausfindig zu machen und durch die Arbeit an ihnen das „europäische Ich“ zu stärken. Dieses Mal stand der Kernbegriff „Widerstand“ im Zentrum.

Die Beschäftigung mit ihm verweist auf einen zentralen Sachverhalt: Die europäische Gesellschaft lebt nicht nur von Rechtsregeln allein, es geht auch um einen sozialen Zusammenhalt jenseits der juristisch eindeutigen Verfasstheit, des bürokratisch-politischen Systems. Viel Lebenswichtiges bildet sich erst im „Strom der Zeit“, in der öffentlichen Debatte, in alltäglichen Praktiken, durch die das gesellschaftliche Miteinander beständig erneuert wird. Eine solche Alltagskultur setzt sich aus den drei großen Pfeilern zusammen, die nicht durch das politische Argument abgedeckt werden: Kunst, Philosophie und Religion.

In diesen drei Pfeilern werden Symbole und Praktiken produziert, mittels derer sich Individuen über ihr ideelles Selbstbild verständigen können. Identitäten sind keine feststehenden Größen, sondern müssen immer wieder aufs Neue hergestellt werden. Europa wird nicht durch eine feste „wertneutrale Ordnung“, sondern durch die aktive Suche nach Wert bestimmt. Novalis sagt, „Wir sind gar nicht Ich, wir können und sollen aber Ich werden“. Das muss auch mit Europa geschehen. Wir müssen ein europäisches Ich erst noch finden.

Über den Begriff „Widerstand“ lässt sich Identität herstellen. Zunächst einmal ist es ein Relationsbegriff in dem Sinne, dass er nur im Verhältnis zu etwas anderem Geltung hat. Man richtet den Widerstand gegen etwas oder gegen jemanden – der politische Widerstand richtet sich gegen eine ihre Eigenschaft missbrauchende Macht mit dem Ziel, die gute, von den Herrschenden pervertierte Ordnung wiederherzustellen. Allen Formen von widerständigem Verhalten ist die Voraussetzung gemein, dass eine bestehende Ordnung als illegitim betrachtet wird. Anders als die Revolution ist der Widerstand von sich aus also nicht umstürzlerisch, sondern bewahrend, ihm wohnt ein konservatives Moment inne.

Sowohl das „Bestand haben“ wie der „Widerstand“ lassen sich begriffsgeschichtlich auf dieselbe lateinische Wurzel resistentia zurückführen, die ursprünglich die Fähigkeit eines Körpers meint, gegen eine ihm entgegenstellende Kraft eine Zeit lang standzuhalten.

Allerdings ist dann auf der Bedeutungsebene ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Moderne und Vormoderne festzumachen: In früheren, noch von der antiken ständischen Gesellschaftsidee geprägten Zeiten, richtete sich der Widerstand gegen die spezifische Person des ungerechten Herrschers. Die ubiquitären Herr-Diener-Abhängigkeiten waren die – auch psychologisch grundierte – Voraussetzung für punktuelle, aber nie das System in Frage stellende Formen des Widerstands.

Selbst der prototypische Widerständler Spartakus, der von Marx apostrophierte „erste Proletarier“ der Menschheitsgeschichte, hatte nicht vor, die kollektiv akzeptierte Institution der Sklaverei generell abzuschaffen. Er wollte nur nicht selbst Sklave, sondern lieber Sklavenhalter sein. Es gibt also einen qualitativen Programm-Unterschied zwischen einem „Spartakus“ und dem eines „Spartakusbundes“: Kennzeichen der Moderne ist die Auflösung personaler Herrschaftsverhältnisse und die institutionelle Einhegung des Widerstands in politische Repräsentationssphären wie beispielsweise das Parlament. Allerdings geht damit auch die Möglichkeit einher, die Systemnotwendigkeit insgesamt infrage zu stellen und einen Kampf gegen das ganze Format der Repräsentation zu führen.

In der Antike waren Räume, in denen Widerstand ausgedrückt werden konnte, beispielsweise das Theater oder das symbolische Ritual politischer Willensmessung, die sogenannte contio. Als Legitimationsnarrativ für Widerstandsbewegungen bot sich freilich schon damals die soziale Frage an.

Die Ungerechtigkeit bei der Getreideverteilung konnte auch durch die allgegenwärtige Pax Romana-Idee, die darum bemüht war, jeglichen Widerstand durch eine Gesetzesvorlage zu beantworten und ruhig zu stellen, nicht gänzlich kaschiert werden. Die Religion an sich war freilich ein potentieller Hort des Aufruhrs wie sich etwa am bekannten Makkabäer-Aufstand 167 v. Chr. gegen die römische Fremdherrschaft zeigt. Allerdings hatte die breite Einführung des Christentums dementgegen dann auch einen sozialpolitischen und damit widerstandsmindernden Effekt.

Insgesamt ist der Widerstandsbegriff in der Antike nicht als kollektivierend zu verstehen. Widerstand leisten Einzelne gegen spezifische Missstände und individuelle Persönlichkeiten. Der Tyrannenmord ist das paradigmatische Beispiel des vormodernen Widerstandsgedankens. Erst in der Moderne, mit dem Fortschreiten der politischen Philosophie von Hobbes über Kant bis Marx, konnte sich dann die Vorstellung eines „Klassenkampfes“ zwischen Reich und Arm, Proletariern und Bourgeoisie entwickeln. Die Folge war, dass bei dem Begriff Widerstand auch die Möglichkeit vollkommen anderer, fundamental vom Status quo unterschiedener Verhältnisse mitschwingen konnte. Die utopische Idee eines Systemumsturzes war geboren und die Sklaven begannen damit, nicht mehr nur selbst Bürger sein zu wollen, sondern auch dafür zu kämpfen, generell nur von Bürgern umgeben zu sein.

 

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