Wer waren die ersten Europäer?

von Warren Peze.

Vom Standpunkt eines Historikers aus, der sich mit dem Frühmittelalter beschäftigt, dürfte das Thema «Nation, Religion und Europa » in zehn Stichpunkten knapp zusammengefasst werden. Diese kleinen Überlegungen stellen nur meine eigenen Ansichten dar, werden aber von der Literatur und meiner Forschungs- und Lehrtätigkeit gestützt. 

Als Nicht-Muttersprachler bitte ich den Leser um Nachsicht für die unvermeidlichen Sprachfehler, die sich in den Text eingeschlichen haben. 

1. 

Das Frühmittelalter stellt eine wichtige Zeit der Nationenbildung dar. Über diese Jahrhunderte hinaus entstehen sowohl auf dem römischen als auch auf  dem „barbarischen“ Boden soziale und politische Gemeinschaften, die früher als solche nicht existierten, und deren Namen bis heute in vielen Fällen überlebt haben, sei es als Staatsnamen (Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn, England) oder als Namen von Regionen (Bourgogne, Lombardei, Bayern, Alemannien, Schwaben, Franken, Thüringen, Normandie, Bretagne). Eine politische Kontinuität lässt sich manchmal bis zu den heutigen Staaten beobachten – zum Beispiel was Frankreich, England oder Ungarn betrifft. 

2.

Diese frühmittelalterlichen Nationen sind selbstverständlich nicht im heutigen Sinn von «Nation» aufzufassen. Ihre Entstehung wird in der Forschung als «Ethnogenese» beschrieben. Der Begriff der Ethnogenese entsteht in den 60/70er Jahre (insbesondere bei Reinhard Wenskus), um die Verwandlung der ehemaligen Barbaren und Römer in diese neuen Nationen zu beschreiben. Das Siedeln auf römischem Boden hat in der Tat die barbarischen Völker deutlich verändert. Der Begriff «Ethnogenese» bedeutet praktisch als erstes die Bekehrung zum Christentum und dadurch die Verdrängung der Religion und Mythologie, die bis dahin die Institutionen, die Bräuche, das Gesetz stifteten. Es stellt einen starken Prozess der „Selbstidentifizierung“ dar. Nach ihrer Niederlassung im Römischen Reich blieb im Gedächtnis dieser Völker ganz wenig vom Barbaricum übrig – vom Leben jenseits der römischen Grenze. Die frühmittelalterliche barbarische Geschichtsschreibung – Autoren wie Jordanes oder Paulus Diaconus – wurde von klassischen und christlichen Mustern so tief geprägt, das sie ganz wenig über die tatsächliche vorrömische Geschichte sagt. Nur ein bekanntes Beispiel: der Franke Fredegar erzählt im 7. Jh., dass die Franken von den Trojanern abstammen, um sie den Römern gleichzusetzen! 

3.

Die Entstehung dieser neuen christlichen Nationen hat sehr viel mit Politik zu tun. Die Ethnogenese bringt auch eine brutale Vereinigung und Zentralisation der Macht durch ein Königshaus, dem es gelingt, alle Konkurrenten, adlige Nebenbuhler und Verwandte – oft blutig – zu beseitigen: die Merowinger bei den Franken, die Amalen bei den Ostrogoten, die Balten bei den Westgoten. Dieses stärkere Königtum existierte bei den Barbaren früher nicht. Der König wird zum Zentrum einer politischen und ethnischen Gemeinschaft, die in den Quellen als populus bezeichnet wird. Der populus ist die Schicht der Bevölkerung, die die politische Freiheit genießt; eine Schicht von freien Männern, Besitzenden, Kriegern, sozusagen Bürgern, die sich als Franken, Westgoten usw. auffassen; die an der jährlichen Versammlung des Königs, aber auch an der Versammlung des lokalen Grafen (Mallus) teilnehmen; und die dort ihr Recht auf die Mitsprache geltend machen können. Diese Schicht von freien Kriegern wird vom Gesetz geschützt und genießt im Allgemeinen ein höheres Wergeld als die anderen Schichten: Sklaven, Befreite, Römer. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Ethnizität, Gesetz, Königshaus, Versammlung, Krieg – und Religion. 

4.

Die Ethnogenese hat in der Tat sehr viel mit Religion zu tun. Die Barbaren bekehren sich zunächst zur arianischen Variante des Christentums, nicht zu seiner nicänischen Variante. Der Arianismus hat sehr schnell ein identitätsstiftendes Christentum für die Barbaren gebildet. Das Problem des Katholizismus (Nicänismus) war seine enge Verknüpfung mit dem römischen Klerus und mit dem römischen Kaiser – der die Synoden einberief, ihre Beschlüsse durchsetzte, und die offizielle Religion durch das weltliche Gesetz schützte und privilegierte. Die Barbaren haben im Arianismus eine eigene, identitätstftiftende Variante gefunden, die sie dem Kaiser entzog, und die ihre ethnische und politische Identität bewahrte. Die Bibel war schon im 4. Jh. ins Gotische übersetzt worden; die arianische Liturgie wurde in barbarischen Sprache gefeiert; und es gab zunächst ganz wenig interreligiöse Ehen. Diese Differenzierung half den Barbaren ihre Kohäsion unter den Römern zu bewahren. Es bedeutet aber nicht, dass einige Barbaren nicht Heiden oder im Einzelfall katholisch waren. Der Wandale König Genseric war ursprünglich Nicäner, aber als er den Thron 428 bestieg, musste er Arianer werden. 

Diese Spaltung zwischen Römern und Barbaren hat allerlei Probleme für das langfristige Zusammenleben dargestellt. Es stellte sich bald die Frage der Bekehrung. Sie fand überall statt. Die ersten waren die Franken gegen 510, ganz am Ende von Clodwigs Leben, und dieses Datum ist kein Zufall. Die Franken waren ein Bund eher kleiner Völker, an der Peripherie des Römischen Reiches, und dazu ein alter Bündnispartner der Römer. Chlodwig hat sich als erster vom Heidentum direkt zum Katholizismus bekehrt, und nicht über das Arianismus; warum? Erstens, weil es eine treue Beziehung zwischen Römern und Franken schon lange gab; zweitens, weil er sich erst nach dem Zerfall des Reiches bekehrte – zu Zeiten, als der Kaiser keine religiöse Bedrohung mehr darstellte. Im Laufe der 6. bis 8. Jh. bekehrten sich die Westgoten, die Longobarden, die Burgunder, und die angelsächsischen Könige. 

5.

Mit dieser Bekehrung der Barbaren zum Katholizismus fand eine zweite Phase der Ethnogenese statt. Die lokale römische Elite verließ ziemlich schnell die römische Identität und übernahm die Identität des barbarischen Siegers. Fast überall vermehrten sich schnell die Mischehen, und fast überall verschwanden langsam die römischen Namen zugunsten der barbarischen Namen. Es ist die Zeit (7.-8. Jh.), als die römischen Provinzen der Belgica den Name «Francia» und Norditalien den Namen «Lombardei» übernehmen. Im Frankenreich überlebt eine gewisse römische Identität nur in Aquitanien, einer politischen Peripherie. 

6.

Die Bekehrung zum Katholizismus stärkte den König und die ethnisch-politische Identifizierung des Volkes zu ihm. Der König übernahm die kaiserliche Führungsstelle der Kirche, berief Synoden ein, setzte die kirchliche Gesetzgebung durch, verfolgte die Ketzer, ernannte die Bischöfe. In allen Kirchen betete täglich das Volk für ihn und für das Heil des Reiches. Sehr bald übernahmen auch die Bischöfe weltliche Befugnisse. Gleichzeitig erfolgte eine Sakralisierung des Königs. Die entscheidende Etappe war die Entstehung der Königsweihe. Die ersten, die den König weihten, sind die Westgoten im 7. Jh.; diese Idee wurde 751 von den Karolingern übernommen. Gleichzeitig entstanden die laudes regiae – die liturgischen Akklamationen des Königs, die heute immer noch für die Weihe des Papstes verwendet werden. Man darf sagen, dass das karolingische Reich sowohl ein Reich, wie eine Ecclesia, eine Kirche darstellte, die ebenbürtig durch den Kaiser und die Bischöfe geführt wurde. Die Führungsposition des Königs über die Kirche blieb unberührt bis zur Gregorianischen Reform im 11. Jahrhundert. 

7.

Dieser Sachverhalt zeigt manche Probleme: Es blieb eine starke Trennung zwischen dem kirchlichen und dem weltlichen Bereich, zwischen Klerus und Laien. Das ganze Problem war, diese Sphären zu artikulieren und die genauen Befugnisse von König und Klerus zu bestimmen. Es hing in der Tat sehr oft von einem ganz konkreten Kräftemessen ab. Manchmal durfte der König die Bischöfe wählen, sie vor dem weltlichen Gericht richten, usw.; manchmal durften die Bischöfe einen schwächeren König ermahnen, die freie Wahl des Bischofs erlangen, die Kleriker dem weltlichen Gericht entziehen, usw. Es ist plausibel, dass die Zeitgenossen von Karl dem Großen nicht völlig verstanden haben, was genau sie taten, als sie die Königsweihe eingeführt haben. 

8.

Europa entsteht im heutigen geographischen Sinne durch diese Kombination von Ethnizität, Religion und Königsmacht, insbesondere während der fränkischen Vereinigung im 8. Jahrhundert.

Europa bedeutet seit dieser Zeit in den Quellen die lateinische katholische Welt, abgegrenzt vom heidnischen Norden und Osten, vom muslimischen Süden, und vom griechischen Ostreich. Entsprechend befindet sich die erste Erwähnung der «Europäer», der Leute von Europa, im heutigen Sinne in einem Bericht der Schlacht von Poitiers 732 gegen die Muslime von Spanien.

Es ist auch jene Zeit, um 800, in der der zweite regionale Pool Europas entsteht: die Nordsee. Nun gab es zwei Pole: Norditalien (die Tür zum Mittelmeer) und die Nordsee – genau dort, wo das Zentrum des karolingischen Reiches lag, wo Karl der Große Aachen bauen ließ. Von dieser Zeit an stellte die Achse zwischen Rheinland und Norditalien die Wirbelsäule Europas dar. Dieser europäische Raum wurde durch die karolingische Reform geeint und homogenisiert. Seitdem ist er nie zerfallen oder zersplittert. Die Karte der ursprünglichen Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1951 ist ziemlich genau eine Karte des karolingischen Reiches. 

9.

Wie wirken Nationen und Religion in diesem Reich? Europa bedeutet zu dieser Zeit ein Gefüge von mehreren Völkern oder Nationen, mit einer regionalen und gesetzlichen Identität. Drei Dinge vereinigte sie in eine politische Gemeinschaft: die fränkische Herrschaft, die römische Kaiseridee, und die Christenheit, das heißt, die europäische Ecclesia unter Führung des Kaisers und der Bischöfe. Nach dem Niedergang des Reiches (im 11. – 13. Jh.) wird die politische Führung dieses Gefüges nicht so sehr durch den Kaiser als durch den Papst übernommen. Das gregorianische und theokratische Papsttum des 11. – 13. Jh. erhob Ansprüche an politischer Oberhoheit über ganz Europa. Es ist die Zeit der Reformkonziliens (Lateran I-IV), der Entstehung der Universitäten, der Kreuzzüge, der Verfolgung der Häresie und der Entstehung der Inquisition…

Diese Oberhoheit war sicher schwer zu ertragen; sie hielt aber diese Nationen und Reiche ziemlich eng zusammen, schuf gemeinsame Institutionen und richtete ein gemeinsames Wirken gegen auswärtige, manchmal erfundene Gegner aus. Dieses Gefüge breitete sich auch aus; um 1000 schließen sich neue Nationen (Polen, Normandie, Böhmen, Ungarn, Skandinavien) an die europäische Welt an. Diese Aufnahme ins europäische System bedeutet aber immer die Bekehrung zum Christentum, den Aufstieg des Königtums, und eine enge Beziehung entweder mit dem Kaiser oder mit dem Papst. Dieses Gefüge wurde erst später durch die Staatsbildung des 14. – 15. Jh., durch das westliche Schisma und schließlich durch die Reformation erschüttert. 

10.

Europa, als Reich und als Kirche, wurde weltlich durch den Adel geführt, der im Frühmittelalter unter fränkischer Herrschaft entstanden war. Für diesen Adel, oder genauer, diesen ursprünglich Reichsadel war immer eine «europäische», transnationale Identität genauso wichtig wie die lokale Identität. Dieser Adel überquerte sehr gerne die Grenzen, um Ehen zu schließen, oder um Lehn zu bekommen. Jeder sieht, dass dies immer noch der Fall ist, dass der heutige europäische Adel sich transnational auffasst. Der Historiker Karl-Ferdinand Werner hat gezeigt, dass dieser Habitus aus dem Frühmittelalter kommt. Aus diesen Gründen würde ich sagen, dass Europa als Gefüge von verschiedenen Nationen sehr viel mit dieser langfristigen Geschichte des Reiches und der Kirche zu tun hat, die einen flächendeckenden europäischen Habitus geprägt hat. Provokativ könnte man sagen, dass die ersten Europäer Kleriker und Adligen waren und blieben.

Warren Peze ist Historiker an der Université Paris Est (Paris XII).

Foto: Reiterstatuette Karls des Großen, um 870, Metz; zeigt Karl den Großen oder seinen Enkel Karl den Kahlen; Louvre, Paris. 

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