An Europa arbeiten – Arbeit an Europa zu Gast auf den Kulturtagen Hedersleben

Denkt man an die Orte, die den (gemeinhin eher abschätzig verwendeten, hier aber gegenteilig zu verstehenden) Titel „Provinz“ verdienen, wird Hedersleben dieser Kategorie wohl mit Recht zugeordnet werden können: gelegen in der Peripherie Quedlinburgs, zwischen Halberstadt und Aschersleben, am Rand des Harzes und mitten in Sachsen-Anhalt. Das alte Kloster dieses kleinen Ortes beherbergte Ende September (26. – 29. September) die zweite Ausgabe seiner Kulturtage, zu denen Gäste aus ganz Deutschland angereist waren. Zu ihnen durfte sich in diesem Jahr auch Arbeit an Europa zählen.

Eingebettet in ein Programm, das sich der Frage verschrieben hat, was Europa bedeuten kann, wurden Klassiker europäische Kultur interpretiert. „Großen Namen“ europäischer Literatur und Musik wurde im Kulturprogramm „Leben eingehaucht“ – durch Rezitation und ihr musikalisches Gegenstück. In diesem Rahmen stellte Arbeit an Europa ihren Beitrag zur Verknüpfung der Großbegriffe „Europa“ und „Kultur“ vor. So fanden bei dieser Gelegenheit Vereinsmitglieder und MitarbeiterInnen des Projekts, sowie UnterstützerInnen und Freunde des Vereins zusammen, um gemeinsam mit den BersucherInnen der Kulturtage am Europäischen Gedanken zu arbeiten. Vorgestellt wurden die tragenden Ideen des Vereins und die Formate, die eine Diskussion und Vernetzung junger EuropäerInnen untereinander fördern und festhalten sollen. Vor allem aber wurde erstmals das European Archive of Voices, das Europäische Archiv der Stimmen öffentlich präsentiert. Als eine Vorschau der Ergebnisse des noch laufenden Zeitzeugenprojekts wurden exemplarische Interview-Duos vorgestellt. Auszüge aus diesen Gesprächen präsentierten prägnante Statements zu Europa, die vom Publikum teils emphatisch diskutiert wurden. Zentrum der Aufmerksamkeit waren die Stimmen der „Europazeugen“, im Wechselspiel mit den jungen InterviewerInnen, die stellvertretend für ihre Generation den Dialog aufnehmen.

So interviewte beispielsweise die Opernregisseurin Jeanne Pansard-Besson den französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière (*1931) zu seinen frühen Europabildern:

„Was mir in Bezug auf Europa in meiner Kindheit besonders auffiel, war, dass Europa eine Kriegsquelle war. Es war absolut unmöglich, von den Deutschen zu sprechen, ohne in ihnen Feinde zu sehen. Als Kind befanden wir uns um Krieg und einer meiner Onkel war im Krieg 1914-18 getötet worden. […] Es gab Frankreich, aber kein Europa. Von Europa hat man nicht gesprochen. Wir wussten nicht einmal was das war. In der Schule lernten wir, es handele sich um einen der Kontinente, aber es gab in meiner Kindheit noch überhaupt nicht das, was nach dem Krieg entstand, der europäischen Geist, der Geist einer mehr oder minder willkürlichen Vereinigung sehr unterschiedlicher Länder.“

Der italienische Theologe und Priester des Jesuitenordens Bartolomeo Sorge (*1929) spielt im Gespräch mit seinem Ordenskollegen Jörg Nies (*1988) mit dem Bild von Europa als Haus:

„Ich erinnere mich an die Jahre, als ich die Geburt Europas erlebte. Ich war bereits erwachsen als Adenauer und Schumann an die Macht kamen… Und die Freude, nach dem Weltkrieg ein auf dem Humanismus aufbauendes gemeinsames Haus zu bauen. Und dann sah ich die Schwierigkeiten, die im europäischen politischen und wirtschaftlichen Leben auftraten. Schwierigkeiten nicht aus Bosheit, es gab aber eine Strukturkrise, die auch eine europäische Krise war. Wir sollten die europäische Idee heute nicht aufgeben, denn im Prozess der Globalisierung sind wir gezwungen, auf unterschiedliche Weise zusammen zu leben und einander zu respektieren. Es ist wichtig, vom Boden des Hauses aus neu zu beginnen. Gehen wir also von einem neuen Humanismus aus, diesen gemeinsamen Werten, die in Asien, in Afrika, in Europa und in Lateinamerika zu finden sind, weil sie Teil des menschlichen Bewusstseins sein. Und aus diesen Werten fangen wir an, ein neues Modell der Menschheit zu rekonstruieren.“

Auch spielen für die „Europazeugen“ poltisch-ökonomische Faktoren eine Rolle im Diskurs um Europa als Kulturgemeinschaft, wie die ehemalige isländische Staatspräsidentin Vigdís Finnbogadóttir (*1930) in ihrem Interview mit dem Schriftsteller Kristof Magnusson (*1976) anhand der unter ihr getroffenen Entscheidung, dass Island dem Europäischen Wirtschaftsraum beitritt, erläutert:

„Ich habe den Vertrag zum Europäischen Wirtschaftsraum damals tatsächlich vor allem unterschrieben, weil ich Europa für junge Menschen offen halten wollte. Für Universitäten. Wenn wir dieses Abkommen damals abgelehnt hätten, hätte die Gefahr bestanden, dass unsere Studentinnen und Studenten in Richtung US-Universitäten abgewandert wären. Ich wollte unbedingt, dass die Isländer Erasmus-Stipendien erhalten und an eine Universität in Europa gehen, um diese europäische Verbindung aufrechtzuerhalten. Wir sind Europäer, in guter Freundschaft mit den Vereinigten Staaten verbunden. Aber ich wollte uns nicht von den USA abhängig machen oder uns von Europa fernhalten. […] Der Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum war für mich der Weg, um unsere Beziehung zu Europa offen zu halten. Und vor allem mit der europäischen Kultur in Verbindung zu bleiben, obwohl es ein wirtschaftliches Abkommen ist.”

Hedersleben bedeutete für den Verein Arbeit an Europa eine Chance, seinen Projekten zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen und darüber hinaus wichtige Kommentare aus dem Publikum aufzunehmen. Angeregt durch die kritische Diskussion der vorgestellten Projekte über die Ziele des Vereins und der Möglichkeit ihrer Verwirklichung konnten wir die Perspektiven und Zukunftspotentiale der Vereinsarbeit

 

reflektieren. Auf den abendlichen Küchenpartys durften alle Beteiligten auf eine kulinarische Reise durch Europa gehen, auf der zwischen den einzelnen Stationen europäischer Regionalküchen genügend Raum für freie Gespräche und Gedanken zum Input des Tages geboten wurde.

Die Kulturtage und der Ort Hedersleben, Kloster und Dorf, Genuss und Arbeit, Bestätigung und Kritik markieren so Schnittstellen von Europabildern – verschreiben sich die Kulturtage einer künstlerischen und „klassischen“ Perspektive auf Europa, so untersucht die Arbeit an Europa die Genese einer kulturellen, verbindungsstiftenden Dimension Europas, hinterfragt gewohnte Perspektiven und versucht, die Pluralität der Stimmen zu Europa zu bündeln. Doch stehen diese keineswegs in einem Widerspruch, sondern können als harmonische Gegensätzlichkeit verstanden werden, die auf ergänzende Weisen an Europa arbeiten.

Arbeit an Europa dankt abschließend herzlich Hubertus von Stolzmann, Michael Riegler und Konstantin Herman für ihre großzügige Einladung nach Hedersleben, ihre Unterstützung und ihr Interesse und nicht zuletzt für das Vertrauen in das Projekt und die Möglichkeit, im Rahmen der Kulturtage 2019 sowohl am Verein arbeiten zu dürfen, als auch Raum zu bekommen insbesondere dem Stimmenprojekt eine Öffentlichkeit zu geben.

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