„Hätt‘st du doch was Anständiges gelernt!“

von Johanna Wokalek.

Las ich früher in einer Erzählung über jemanden, der Schauspieler, Musiker, Maler, Komponist oder Schriftsteller werden wollte, kurz: sich dem Künstlerdasein verschreiben wollte, um in der sogenannten Endverwertung mit dem, was er tat, die Gesellschaft eventuell zu erfreuen (zugegeben wirklich nur einen Bruchteil der Gesellschaft, der andere zieht den Besuch von Baumärkten vor), musste ich immer lächeln, wenn er daraufhin ermahnt wurde, doch etwas Anständiges zu erlernen. So war das damals also, dachte ich.
Gestern verfolgte ich gebannt die zweite Fernsehansprache des französischen Präsidenten. Zunächst einmal, weil er ein wirklich begabter Sprecher, aber auch Schauspieler ist. Es ist ja bekannt, dass er sein Talent schon im Schultheater unter Beweis stellte.

So waren wir bei seiner ersten Ansprache noch „en guerre…nous sommes en guerre“ und seine Hände verharrten übereinandergelegt auf der Tischplatte, während sein Blick in versammelter Heeresführerschaft streng und für ALLES volle Verantwortung übernehmend auf uns gerichtet war. Die Augenbrauen immer wieder hochziehend, was ihm neben der Heeresführerschaft auch den Ausdruck eines väterlich-brüderlich Verbündeten seines Volkes gab. Streng besorgt, um jedes einzelne seiner Kinder oder passender: um seine Brüder und Schwestern.

Zum Abschluss noch ein zwischen Bescheidenheit und Entschlossenheit wohl abgewogenes „Vive la France!“ Leider gab es allerdings in den folgenden vier Wochen kaum Masken, Betten oder Beatmungsgeräte, nichts war ausreichend vorhanden oder vorbereitet, um Frankreich „leben“ zu lassen. Eine Farce das Ganze. „La France“ musste ihre Schwerkranken ausfliegen lassen, weil sie nicht imstande war, sie selbst zu versorgen. 

In der zweiten Ansprache ein wie ausgewechselter Präsident. 

Als hätte Peter Zadek zu ihm gesagt: „Du, Emmanuel, du musst viel lockerer sein und wirklich mal mit den Leuten reden. Ich will das doch gar nicht sehen, dass du Feldherr sein kannst, dass weiß ich doch schon lange. Ich will sehen, dass du wirklich mit mir redest. Weißt du, so wie ich jetzt mit dir rede, da brauch ich doch auch kein Pferd und Lorbeer und so´n Scheiß.“

Und Macron hat tatsächlich umgesetzt, was da verlangt wurde. Als habe er sich die letzten vier Wochen durch sämtliche Youtube-Kanäle und Instragram-Profile geklickt. Er hat den Ton voll getroffen und war ganz bei uns. Diesmal waren die Hände frei und in Bewegung auch mal ein Zeigefinger, der fast durch den Bildschirm stach als er in Richtung Kamera ausfuhr, um etwas besonders zu unterstreichen. Die Lautstärke der Stimme variierte bis hin zum beschwörenden Flüstern eines antiautoritären Vaters, der seinen asozialen Kindern unaufhörlich sagt: Jetzt müsst ihr aber bitte auch mal machen, was ich sage, und brav sein und zu Hause bleiben.

Außerdem hat er sich vorbildlich für sämtliche Versäumnisse des „Vive la France“ entschuldigt und versichert, in den nächsten vier Wochen würden dann tatsächlich auch ausreichend Masken produziert sein, so dass wir dann ab dem 11. Mai freigelassen werden könnten. Nur an die Künstler hat er sein Wort kein einziges Mal gerichtet.

Der ehemalige Star der Schultheater-AG hat uns vergessen, obwohl er doch mit seiner Frau Brigitte beglückend regelmäßig in den Pariser Theatern im Zuschauerraum gesichtet wird. 

Das ist schade. Und heute Abend saß ich daraufhin tatsächlich auf dem Sofa und habe kurz geweint. Früher ging es nicht. Ich will diese Traurigkeit nicht auf mein homeschooling-Kind übertragen. Deshalb warte ich, bis es im Bett ist.

Ich habe geweint, weil der freie Künstler zu denen gehört, die nicht wirklich ins Gewicht fallen. Er hat keine gesellschaftlich-systemische Relevanz in Krisenzeiten. 

Adidas, also der Turnschuh, schon, aber nicht der freiberufliche Künstler, der ist vogelfrei.

Sobald er für das Publikum singt, „das Glück is a Vogerl“, ist jenes für den Moment ganz ergriffen und es gibt nur ihn. Jedoch ist´s aus, das Lied, ist er auch schon wieder vergessen. 

Selber schuld, er hätte doch was Anständiges lernen können.

Johanna Wokalek ist Schauspielerin.

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